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Entlasten Videosprechstunden die Versorgung?

US-Studie zeigt zusätzliche Nachfrage / Kapazitätsplanung entscheidend

Eine großangelegte amerikanische Studie von Lekwijit, Song, Terwiesch und Chaiyachati [1] mit mehr als 1,5 Millionen dokumentierten Patientenkontakten untersucht eine Frage, die auch für die deutsche Gesundheitspolitik von hoher Relevanz ist: Entlasten Videosprechstunden die ambulante Versorgung, indem sie persönliche Arztbesuche ersetzen, oder erzeugen sie zusätzliche Nachfrage? Die Ergebnisse fallen ernüchternd aus.

Nach der Einführung von Videosprechstunden stieg die Gesamtzahl der Arztkontakte um 28 Prozent. Zugleich nahmen auch persönliche Termine in der hausärztlichen Versorgung sowie Besuche in der Notaufnahme zu. Videosprechstunden wirkten damit nicht als Ersatz für die Versorgung vor Ort, sondern als zusätzlicher Zugangskanal.

Studiendesign

Die Autoren untersuchen einen großen akademischen Gesundheitsverbund, bestehend aus Krankenhäusern, Hausärzten und Notaufnahmen in den USA, der im Juli 2017 rund 50.000 Beschäftigten und ihren Angehörigen den Zugang zu Videosprechstunden für die hausärztliche Versorgung eröffnete. Die Videosprechstunden wurden rund um die Uhr von eigens dafür angestellten Nurse Practitioners angeboten, die keine sonstigen Präsenztermine übernahmen.

Datenbasis sind 1.533.323 Patienten-Kontakte aus den Jahren 2016 bis 2019, in denen sämtliche Hausarztbesuche, Notaufnahmebesuche und Videosprechstunden erfasst wurden. Mittels eines Difference-in-Differences-Ansatzes vergleichen die Autoren Patienten mit Zugang zu Videosprechstunden mit einer über Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Entfernung zur Praxis und Hausarzt-Auslastung gematchten Kontrollgruppe ohne Zugang. So lässt sich die kausale Wirkung der Einführung von Videosprechstunden auf Anzahl und Art der Arztkontakte isolieren.

Zusätzlich rekonstruieren die Autoren anhand von Diagnosecodes vollständige Behandlungsepisoden (587.320 Episoden mit einer durchschnittlichen Länge von 15,3 Tagen), um zu untersuchen, über welchen Kanal eine Episode beginnt und ob im Anschluss weitere, persönliche Besuche nötig werden. Die zentralen Ergebnisse sind in Abbildung 1 dargestellt und werden im Folgenden erläutert.

Abbildung 1: Wirkung von Videosprechstunden auf die Arztkontakte

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Lekwijit et al. [1].

Ergebnis 1: Videosprechstunden erhöhen die Gesamtnachfrage – statt sie zu verlagern.

Nach Einführung der Videosprechstunde steigt die Gesamtzahl aller Arztkontakte (persönlich und digital) um 28 Prozent. Auch die Zahl der persönlichen Besuche allein nimmt zu: Hausarztbesuche steigen um 21 Prozent, Notaufnahmebesuche sogar um 30 Prozent. Hochgerechnet auf das gesamte Gesundheitssystem entspricht das über 130.000 zusätzlichen Kontakten und geschätzten Mehrkosten von rund 35 Millionen US-Dollar pro Jahr, wenn allen Patienten Videosprechstunden zur Verfügung stünden. Die Videosprechstunde wirkt damit nicht als Ventil, das Praxen und Notaufnahmen entlastet, sondern als zusätzliches Tor zum Versorgungssystem, durch das insgesamt mehr Nachfrage entsteht.

Ergebnis 2: Videosprechstunden erschließen bislang unversorgten Bedarf – besonders bei erschwertem Zugang.

Betrachtet man nur die Erstkontakte einer neuen Erkrankungsepisode, zeigt sich ein differenzierteres Bild: Die Zahl aller Erstkontakte steigt zwar um 18 Prozent, die Zahl der persönlichen Erstkontakte bleibt jedoch nahezu unverändert. Patienten nutzen die Videosprechstunde also überwiegend, um Anliegen zu adressieren, die sie sonst gar nicht behandeln lassen würden – nicht, um einen ohnehin geplanten Praxisbesuch zu ersetzen. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Patienten mit weiten Anfahrtswegen oder besonders ausgelasteten Hausärzten: Hier steigen die gesamten Erstkontakte um bis zu 21 Prozent, während die persönlichen Erstkontakte auch bei diesen Patienten und Patientinnen unverändert bleiben. Videosprechstunden wirken also gerade dort am stärksten, wo der Zugang zur Versorgung ohnehin am schwierigsten ist – ein Befund mit hoher Relevanz für Regionen mit Ärztemangel.

Ergebnis 3: Bei akuten Beschwerden folgt häufiger ein Praxisbesuch – bei chronischen Erkrankungen funktioniert die Videosprechstunde gut.

Eine mit einer Videosprechstunde begonnene Behandlungsepisode führt deutlich häufiger zu einem weiteren persönlichen Besuch als eine mit einem Hausarztbesuch begonnene: Nur 18 Prozent der Video-Episoden enden ohne weiteren Kontakt, gegenüber 30 Prozent bei Hausarztbesuchen. Im Schnitt zieht ein Video-Erstkontakt rund einen zusätzlichen persönlichen Folgebesuch nach sich. Entscheidend ist dabei die Art der Erkrankung: Bei akuten Beschwerden, die sich schlecht virtuell behandeln lassen (z. B. Erkrankungen des Bewegungsapparats oder des Verdauungstrakts), verdoppelt bis verdreifacht sich die Wahrscheinlichkeit eines Folgebesuchs gegenüber einem Hausarztbesuch. Bei chronischen Erkrankungen dagegen unterscheidet sich die Folgebesuchsrate nach einer Videosprechstunde nicht von der nach einem Hausarztbesuch – unabhängig davon, wie gut sich die jeweilige Erkrankung grundsätzlich für Telemedizin eignet.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die Ergebnisse relativieren die verbreitete Annahme, dass mehr Videosprechstunden automatisch weniger Praxis- und Notaufnahmebesuche bedeuten. Für die Weiterentwicklung telemedizinischer Angebote lassen sich mehrere Konsequenzen ableiten:

  • Kapazitätsplanung realistisch gestalten: Praxen, MVZ und Kassenärztliche Vereinigungen sollten nicht davon ausgehen, dass Videosprechstunden automatisch Personal oder Terminslots freisetzen. Ein Teil der zusätzlichen digitalen Nachfrage führt zu weiteren persönlichen Terminen.
  • Nach Krankheitsbild differenzieren: Für chronische Erkrankungen – etwa im Rahmen strukturierter Behandlungsprogramme (DMP) – eignen sich Videokontakte gut, um die Kontaktfrequenz und Therapietreue zu erhöhen, ohne zusätzliche Folgebesuche zu erzeugen. Bei akuten Beschwerden sollte dagegen von vornherein mit einem persönlichen Folgetermin gerechnet werden.
  • Zugangsgewinn als eigentlichen Nutzen begreifen: Der größte Wert von Videosprechstunden liegt nicht in der Entlastung des Systems, sondern darin, bislang unversorgten Bedarf sichtbar zu machen – gerade bei Patienten und Patientinnen mit langen Anfahrtswegen oder überlasteten Praxen.
  • Digitale Teilhabe mitdenken: Wer von Zugangsbarrieren zur Präsenzversorgung betroffen ist, hat häufig auch eingeschränkten Zugang zu mobilen Endgeräten oder digitaler Kompetenz. Ohne begleitende Maßnahmen droht die Videosprechstunde gerade jene Patienten- und Patientinnengruppen zu verfehlen, die am meisten von ihr profitieren könnten.

Fazit

Diese Ergebnisse treffen mitten in eine aktuelle deutsche Debatte. Die Videosprechstunde ist in der Gesundheitspolitik derzeit ein Hoffnungsträger: Seit April 2025 können Ärzte und Ärztinnen bis zu 50 Prozent ihrer Patienten und Patientinnen pro Quartal digital behandeln. Patienten und Patientinnen, die im Quartal sowohl per Video als auch persönlich in der Praxis behandelt werden, werden nicht auf diese Obergrenze angerechnet. Mit dem Ausbau telemedizinischer Angebote ist die Erwartung verbunden, dass Hausarztpraxen entlastet und die medizinische Versorgung, insbesondere in Regionen mit Ärztemangel, verbessert werden.

Auch in der Debatte über eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag – und der damit verbundenen Kritik, eine solche Regelung würde die Arztpraxen zusätzlich belasten – verwies die damalige Bundesgesundheitsministerin Nina Warken darauf, dass hierfür kein persönlicher Praxisbesuch zwingend erforderlich sei: Eine Krankschreibung könne auch im Rahmen einer Videosprechstunde erfolgen. Auch in der Diskussion um ein Primärversorgungssystem spielt die Videosprechstunde eine Rolle.

Die politische Hoffnung dahinter ist stets dieselbe: Wer eine Erkältung behandeln lassen oder sich ein Attest ausstellen lassen möchte, muss dafür nicht mehr ins Wartezimmer – Praxen und Notaufnahmen würden dadurch spürbar entlastet. Die Ergebnisse von Lekwijit et al. [1] mahnen jedoch zur Vorsicht: Videosprechstunden sind kein Selbstläufer zur Entlastung, aber ein wirksames Instrument, um Zugangsbarrieren abzubauen und bislang unversorgten Bedarf zu erschließen – vor allem bei chronischen Erkrankungen und in unterversorgten Regionen. Wenn digitale Angebote weiter ausbaut werden, muss klar sein, dass damit tendenziell mehr statt weniger Versorgungskontakte entstehen. Das ist kein Konstruktionsfehler der Digitalisierung, sondern ihr eigentlicher Zweck – nur eben nicht der, mit dem sie in der aktuellen Debatte beworben wird. 

[1] Suparerk Lekwijit, Hummy Song, Christian Terwiesch, Krisda Chaiyachati (2026) Multichannel Healthcare Operations: The Impact of Video Visits on the Usage of In-Person Care. Management Science 0(0). https://doi.org/10.1287/mnsc.2024.06271

Prof. Dr. Ludwig Kuntz

Annica Münch

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