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Nicht jeder profitiert von digitalen Beratungslösungen

US-Studie zur Auswirkung von digitalen Entscheidungshilfen auf Wahl der Krankenkasse

In einer zunehmend digitalisierten Welt greifen Verbraucher immer häufiger auf künstliche Intelligenz (KI) und algorithmusbasierte Entscheidungshilfen zurück, um komplexe finanzielle Entscheidungen zu treffen. Eine aktuelle Studie von Bundorf, Polyakova und Tai-Seale untersucht, wie sich digitale Expertenberatung auf die Wahl von Krankenversicherungen auswirkt [1].

Dabei wird nicht nur analysiert, ob digitale Beratung die Entscheidungsfindung er­leichtert, sondern auch, welche Konsumentengruppen diese Unterstützung tatsächlich nutzen.

Studiendesign

Die Studie basiert auf einem randomisierten kontrollierten Experiment mit über 1.100 Teilnehmern, die im Rahmen des Medicare Programms in den USA eine spezifische Krankenversicherung für verschreibungspflichtige Medikamente wählen mussten. Medicare ist das öffentliche Krankenversicherungsprogramm in den Vereinigten Staaten von Amerika, das sich hauptsächlich an Menschen über 65 Jahre richtet und ca. 50 Millionen Menschen abdeckt.

Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt:

1. Kontrollgruppe: Erhielt lediglich eine Erinnerung an die Notwendigkeit, eine Versicherung zu wählen.

2. Informationsgruppe: Erhielt personalisierte Informationen über verschiedene Krankenversicherungspläne.

3. Digitale-Expertenberatung-Gruppe: Erhielt neben personalisierten Informationen eine algorithmusbasierte Empfehlung, die die drei besten Versicherungspläne für den jeweiligen Nutzer hervorhob.

 

Ergebnis 1: Digitale Expertenberatung erhöht Wechselbereitschaft und spart Kosten.

Die Analyse zeigt, dass Teilnehmer, die die digitale Expertenberatung erhielten, eine um 8 % höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, ihre Krankenversicherung zu wechseln, als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Des Weiteren wurden die Versicherungskosten der Personen, die eine digitale Beratung erhielten, um durchschnittlich 116 US-Dollar pro Jahr reduziert.

Diese Effekte sind besonders bemerkenswert, da frühere Studien zeigen, dass Verbraucher oft an einmal gewählten Versicherungen festhalten, selbst wenn günstigere Alternativen existieren.

 

Ergebnis 2: Konsumenten reagieren nicht nur auf Informationen, sondern auch konkret auf Empfehlungen.

Die Studie zeigt, dass die Wirkung digitaler Beratung nicht nur in der Bereitstellung von Informationen liegt, sondern auch darin, wie diese Informationen interpretiert werden. Konsumenten, die digitale Expertenberatung erhielten, bewerteten bestimmte Produktmerkmale anders – z. B. sank die Zahlungsbereitschaft für bekannte Markenprodukte um 14 %, während die Zahlungsbereitschaft für eine höhere Qualitätsbewertung um 37 % fiel. Dies deutet darauf hin, dass digitale Entscheidungshilfen nicht nur die Wissensbasis erweitern, sondern auch Präferenzen aktiv verändern.

 

Ergebnis 3: Digitale Beratung erreicht nicht immer die Konsumenten, die sie am meisten benötigen.

Ein kritischer Befund der Studie ist, dass gerade diejenigen, die am meisten von Expertenberatung profitieren könnten, diese am wenigsten nutzen. Aktive Versicherungswechsler waren eher bereit, die digitale Beratung in Anspruch zu nehmen, während weniger entscheidungsfreudige Verbraucher das Angebot seltener nutzten. Dies könnte dazu führen, dass vor allem informierte und finanziell versierte Verbraucher von digitalen Expertenempfehlungen profitieren, während weniger informierte Gruppen weiterhin suboptimale Entscheidungen treffen.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die Studie zeigt, dass digitale Expertenberatung im Gesundheitswesen eine effektive Möglichkeit ist, Verbrauchern bessere Finanzentscheidungen zu ermöglichen. Für Deutschland ergeben sich daraus mehrere zentrale Handlungsempfehlungen:

  • Gezielte Förderung von digitalen Entscheidungshilfen: Versicherungsportale könnten stärker auf transparente, digitale Beratungstools setzen.
  • Vermeidung von unbeabsichtigten Verzerrungen: Es muss sichergestellt werden, dass Algorithmen nicht einheitliche Standardempfehlungen geben, die individuelle Präferenzen ignorieren.
  • Maßnahmen zur Erhöhung der Akzeptanz: Digitale Beratung sollte insbesondere weniger entscheidungsfreudige Verbraucher gezielt ansprechen, um eine breitere Nutzung sicherzustellen.

Fazit

Die Studie liefert wertvolle Erkenntnisse darüber, wie digitale Entscheidungshilfen die Wahl von Krankenversicherungen beeinflussen können. Digitale Expertenberatung kann nicht nur das Wissen der Konsumenten erweitern, sondern auch ihre Präferenzen aktiv verändern. Dies eröffnet neue Chancen für eine effizientere Gesundheitsversorgung – erfordert jedoch gezielte Maßnahmen, um eine breite Akzeptanz sicherzustellen und Benachteiligungen einzelner Gruppen zu vermeiden.

Auch in Deutschland gibt es relevante Auswahlentscheidungen für Versicherte, bei denen ein digitaler Support möglich ist. Relevante Unterschiede bei den sogenannten Satzungsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen sind vorhanden, die über das gesetzlich Festgelegte hinausgehen. Zudem wird mit Zusatzversicherungen von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen geworben.

 

[1]       Bundorf, M. K., Polyakova, M., & Tai-Seale, M. (2024). How do consumers interact with digital expert advice? Experimental evidence from health insurance. Management Science, 70(11), 7617-7643.

 

Prof. Dr. Ludwig Kuntz

Annica Münch

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