Eigentlich hätte es ein unbeschwerter Abend werden können. Schon vor dem Frühlingsfest war klar: Die Generischen sind jetzt die Könige. Nina Warkens Sparhammer trifft so ziemlich alle – bis auf die Hersteller von patentfreien Arzneimitteln.
Bei denen ist schon lange nix mehr zu holen, weil sie seit Jahrzehnten sparen wie die Weltmeister. Als erfahrene Sparfüchse sind die Generischen fein raus. Wer seit Jahren Arzneimittel für Centbeträge verkauft, kann jetzt entspannt den anderen beim Strampeln zuschauen.
Nach all den bitteren Jahren als Sparschwein der Krankenkassen hätte man nun leisen Triumpf erwarten können. Oder ein bisschen Spaß. Denkbar wäre z.B. ein Mentorenprogramm, bei dem die Mitglieder von Pro Generika ihren forschenden Kollegen aus anderen Verbänden unter die Arme greifen und erklären, wie man bei GKV-Ausschreibungen bis zur dritten Stelle hinterm Komma spart – und dabei die Freude am Leben nicht verliert. Doch beim Frühlingsfest von Pro Generika sind weder Triumpf noch Spaß angesagt. Stattdessen legen die Gastgeber wieder einmal den Finger in die Wunde. Das tut in diesem Jahr besonders weh.
Schon in 2025 trat die Bundeswehr an die Öffentlichkeit mit der Botschaft: Wir müssen auch die Versorgung im Verteidigungsfall planen. Das ging einher mit schauerlichen Szenarien, die man noch irgendwie verdrängen konnte in dem Glauben, einen Angriff auf die NATO wird doch keiner wagen. Dieser Glauben findet ein jähes Ende in der Landesvertretung des Saarlandes. Anlass ist die Keynote von Björn Stahlhut, einem Sicherheitsexperten, der zum „sicherheitspolitischen Spannungsfeld“ referiert. Der Inhalt ist so abscheulich, dass man es gar nicht aufschreiben mag. Auf Nachfrage, ob man so etwas seinen Lesern wirklich zumuten müsse, antwortet Oberstapotheker Dr. Bernd Klaubert: ja, man muss. Es hilft also nichts. Das sicherheitspolitische Szenario von Björn Stahlhut (Auszug):
Ein Szenario zum Fürchten
Der Aggressor erklärt nicht den Krieg. Stattdessen schickt er Drohnen los (und sagt: wir waren das nicht). Die Drohnen des Aggressors sind so trainiert, dass sie nicht töten, sondern möglichst schwer verletzen (das gibt viel bessere Bilder). Gleichzeitig werden gezielt Versorgungseinrichtungen in der Region zerstört (z.B. alles, was ein rotes Kreuz trägt, also Krankenhäuser, Apotheken, etc.). Die schrecklichen Bilder von unversorgten Schwerverletzten werden durch die sozialen Medien gejagt mit der Botschaft: Euer Staat kann Euch nicht schützen. Das wäre billig zu haben und hätte politisch einen großen Effekt. Die Erkenntnis: Wir sind maximal unvorbereitet.
Das stellt sich unweigerlich die Frage: Was macht unsere Regierung? Sie plant ein Gesundheitssicherstellungsgesetz. Für das BMG steht Abteilungsleiter Heiko Rottmann-Großner im Podium. Er berichtet, wer für Gesundheitssicherstellung alles zuständig ist: die Bundesministerien für Gesundheit, Inneres, Verteidigung und Finanzen sowie die Länder mit ihren Landkreisen und Kommunen. Bis Ende des Jahres soll ein Gesetzentwurf vorliegen. Die Federführung liegt beim BMG. Das Gesetz werde seit zwei Jahren vorbereitet als „Kaskade mit Ausnahmen“ – was immer man darunter verstehen soll. Politisch dürfte uns wieder ein endloses Gezerre ums Geld ins Haus stehen. Rottmann-Großner erinnert an den Öffentlichen Gesundheitsdienst in den Kommunen, für dessen Stärkung der Bund in der Pandemie eine Anschubfinanzierung zahlte, was die Länder inzwischen auf Dauer fordern. Ein schlechtes Omen.
Ums Geld geht’s auch bei Arzneimitteln. Es folgt der Evergreen: Andreas Burkhardt, Vorsitzender von Pro Generika, beklagt, dass bei Rabattverträgen immer nur das billigste Angebot zählt. Eine resiliente Versorgung lasse sich damit nicht gewährleisten. Ein interessanter Aspekt kommt dazu aus München. Die kleine deutsche Firma QYOBO ist wegen ihres Know-how zu Lieferketten weltweit gefragt, u.a. in der US-amerikanischen Politik. Dr. Markus Feldenkirchen berichtet: Es gibt in Europa noch bis zu 700 „reine Wirkstoff-Standorte“. Diese produzieren zwar doppelt so teuer wie in Asien, man brauche vom Wirkstoff aber nur sehr wenig. Die Botschaft: Die (überraschend vielen) Produzenten, die noch nicht aus Europa abgewandert sind, müssen gehalten werden, um die Verfügbarkeit von Arzneimitteln zu stärken. Keine wirklich neue Botschaft, aber eine unerwartete Dimension.
Der Allgemeinplatz als Konzept
Auf einem politischen Podium muss natürlich auch ein Vertreter der Regierungskoalition dazu etwas sagen. Die undankbare Aufgabe fällt Dr. Stephan Pilsinger zu, allgemein bekannt als praktizierender Hausarzt in München und ambitionierter Abgeordneter der Unionsfraktion im Bundestag. Pilsinger zieht den Joker und erklärt, man müsse die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Gespart werden solle dort, wo es der Versorgung nicht schadet. Das klingt zwar reichlich unbefriedigend. Mehr konnte man aber auch nicht erwarten. Für Resilienz im Gesundheitswesen gibt es keine politischen Konzepte. Was es gibt, ist eine Liste mit essenziellen Arzneimitteln aus Sicht der Bundeswehr (Schwerpunkt: Verletzungen). Oberstapotheker Klaubert berichtet, die Abstimmung mit den Bundeskammern von Ärzten und Apothekern laufe gut. Eine gemeinsame Analyse, was man unbedingt braucht, kann aber nur ein Anfang sein. Darin sind sich alle einig.
Der Abend klingt aus in einer leicht verstörten Gemütslage. Das drastische Auftaktszenario wirkt genauso absurd, wie die täglichen Nachrichten von den mächtigen alten Männern dieser Welt. Man muss sich wohl damit beschäftigen. Die politische Perspektive, das Gesundheitssicherstellungsgesetz, trudelt in einem Kessel Buntes an Zuständigkeiten vor sich hin. Das ist ein schlechter Trost. Zusätzlich dürften die vom Sparhammer getroffenen Akteure des Gesundheitswesens als Partner für neue Aufgaben vorerst ausfallen. Das Thema Resilienz (z.B. eine Grundausstattung zur Drohnenabwehr auf den Dächern der Krankenhäuser) dürfte auf absehbare Zeit vom Tisch sein. Da bleibt nur, zunächst die etablierten Systeme fit zu machen, z.B. durch die Versöhnung von Rabatt und Resilienz bei der Beschaffung von patentfreien Arzneimitteln. Diese Erkenntnis dürfte ganz im Sinne der Gastgeber sein. Man denkt sich: schlau, die Leute von Pro Generika.
Sebastian Hofmann