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Vom JCA zum AMNOG

Was Tovorafenib über das neue europäische HTA-Verfahren zeigt

Hans Hirsch, Business Development Manager bei co.value – A Cytel Brand

Mit Tovorafenib wird aus EU-HTA erstmals gelebte Market-Access-Praxis. Nach dem ersten Joint Clinical Assessment (JCA), der gemeinsamen klinischen Bewertung auf EU-Ebene, liegen inzwischen auch das deutsche AMNOG-Dossier und die erste nationale Nutzenbewertung vor. Damit lässt sich erstmals konkret nachvollziehen, wo der JCA Synergien schafft, wo Deutschland weiterhin seinen eigenen Bewertungsmaßstäben folgt und was sich dadurch für die Hersteller verändert. 

Die bisherige Diskussion konzentrierte sich vor allem auf die acht PICO-Fragestellungen zu Population, Intervention, Komparator und Endpunkten sowie die begrenzte vergleichende Evidenz. Eine PICO-Fragestellung definiert die konkrete Forschungsfrage einer Nutzenbewertung: Welche Patientengruppe wird betrachtet, welche Therapie mit welcher Alternative verglichen und anhand welcher Endpunkte bewertet? 

Der Beitrag „Déjà-vu der Nutzenbewertung“ von Dr. Antje Behring hat bereits eingeordnet, warum unbeantwortete PICO-Fragen nicht automatisch ein Versagen des neuen Verfahrens bedeuten. Nun rückt die für Hersteller nächste entscheidende Frage in den Mittelpunkt: Was bleibt vom JCA im nationalen HTA-Verfahren?

Tovorafenib liefert darauf ein erstes differenziertes Bild. Europäisch aufbereitete Evidenz eröffnet neue Möglichkeiten zur Wiederverwendung. Gleichzeitig bleiben zentrale nationale Anforderungen bestehen. Der Fall wird damit zum ersten Praxistest dafür, wie weit europäische Harmonisierung in der nationalen Market-Access-Praxis tatsächlich trägt. 

Die größten Synergien des JCA entstehen in Modul 4

Die Erwartung liegt auf der Hand: Was bereits auf europäischer Ebene strukturiert und bewertet wurde, sollte national nicht vollständig neu aufbereitet werden müssen. Ein Blick in das deutsche Nutzendossier zeigt jedoch, dass sich das Synergiepotenzial je nach Modul deutlich unterscheidet: 

  • Modul 1 bleibt erwartungsgemäß stark national geprägt. Als Zusammenfassung des Nutzendossiers muss es die für die deutsche Nutzenbewertung relevanten Inhalte konsistent und eigenständig lesbar zusammenführen. Bei Tovorafenib kam hinzu, dass bereits ein neuerer Datenschnitt berücksichtigt wurde als im JCA.
  • Auch Modul 2 wurde im Wesentlichen national ausgearbeitet. Gerade hier dürfte perspektivisch jedoch weiteres Synergiepotenzial liegen: Wirkmechanismus und Anwendungsgebiet hängen nur begrenzt von nationalen HTA-spezifischen Anforderungen ab.
  • In Modul 3 zeigt sich die erwartbare Aufgabenteilung: Inhalte zur Erkrankung und zum medizinischen Bedarf konnten aus der europäischen Aufbereitung übernommen und national ergänzt werden. Epidemiologie, Zielpopulation in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Versorgungskontext und Jahrestherapiekosten blieben dagegen spezifisch deutsch.
  • Die größten Synergien zeigen sich in Modul 4 – genau dort, wo sie aus der Logik des JCA am ehesten zu erwarten sind. Bereits europäisch dargestellte Inhalte konnten unter anderem bei Patientencharakteristika, Studiendesign, Intervention, Methodik, Operationalisierung und Ergebnissen weiterverwendet werden. 

Im deutschen Market Access hat sich mittlerweile für diese Art des AMNOG-Dossiers der Begriff „Delta-Dossier“ etabliert. Gemeint ist damit kein verkürztes AMNOG-Dossier. Vielmehr wird europäisch bereits aufbereitete Evidenz gezielt weiterverwendet und um diejenigen Inhalte ergänzt oder angepasst, die für die deutsche Nutzenbewertung weiterhin erforderlich sind. Das Delta-Dossier ist damit weniger ein „kleineres Dossier“ als ein neuer Ansatz der Evidenznutzung: Europäische Vorarbeit soll dort konsequent genutzt werden, wo sie für das AMNOG trägt. 

Wie groß dieses „Delta“ ausfällt, hängt allerdings auch davon ab, wie gut die Evidenz zur deutschen Bewertungsfrage passt und wie aktuell sie ist. Tovorafenib zeigt das deutlich: Der JCA basierte noch auf dem Zwei-Jahres-Datenschnitt der zentralen FIREFLY-Studie, während im deutschen Verfahren bereits der Drei-Jahres-Datenschnitt berücksichtigt wurde. Zudem lag der finale JCA-Bericht zum Start des deutschen Verfahrens noch nicht vor. Wiederverwendung bedeutet also nicht Copy-and-paste. Neue Daten, nationale Anforderungen und zeitliche Überschneidungen können weiterhin Anpassungen erforderlich machen. 

Mehr als Effizienz: Der strategische Wert des JCA beginnt früher 

Der Nutzen des JCA sollte deshalb nicht allein daran gemessen werden, wie viel nationale Dossierarbeit eingespart werden kann. Sein strategischer Wert beginnt deutlich früher. Der Scoping-Prozess macht sichtbar, welche Populationen, Komparatoren und Endpunkte für unterschiedliche Gesundheitssysteme relevant sind. Gleichzeitig zeigt die entstehende PICO-Landschaft, welche dieser Bewertungsfragen mit der vorhandenen Evidenz beantwortet werden können – und wo Lücken bestehen. Bei Tovorafenib wird dieser Punkt besonders greifbar. Die acht PICOs waren nicht nur das Ergebnis des europäischen Scoping-Prozesses, sondern eine frühe Landkarte dafür, wie anschlussfähig die vorhandene Evidenz an unterschiedliche europäische Bewertungsfragen war. 

Für europäische und globale Market-Access-Teams liegt darin ein strategischer Mehrwert: Nationale Anforderungen und potenzielle Evidenzlücken werden früher sichtbar und können stärker in eine übergreifende Evidenzstrategie einfließen. Der JCA ist damit nicht nur ein Assessment-Prozess, sondern auch ein Stresstest für die europäische Evidenzstrategie. 

Europäisch bewertet heißt nicht automatisch national verwertbar 

Doch genau hier endet die einfache Synergie-Story: Europäisch aufbereitet bedeutet noch lange nicht national verwertbar. Ein anschauliches Beispiel ist der indirekte Vergleich von Tovorafenib mit Dabrafenib plus Trametinib. Dieser Matching-Adjusted Indirect Comparison (MAIC) wurde im JCA dargestellt und bewertet – wenn auch mit erheblichen methodischen Unsicherheiten. Für die deutsche Nutzenbewertung wurde er vom G-BA dagegen nicht herangezogen. 

Ähnliches zeigt sich bei den Endpunkten. Progressionsfreies Überleben und Tumoransprechen waren Bestandteil des europäischen Assessment Scope, wurden für die deutsche Nutzenbewertung jedoch nicht berücksichtigt. Aus AMNOG-Perspektive entspricht dies den etablierten Bewertungsmaßstäben: Die Anforderungen an Patientenrelevanz und methodische Verwertbarkeit gelten unabhängig davon, ob ein Endpunkt zuvor Bestandteil des europäischen Assessment Scope war.  Darin liegt kein Widerspruch. JCA und nationale Nutzenbewertung haben unterschiedliche Funktionen und Blickwinkel: Der JCA bewertet die relative klinische Evidenz entlang der europäischen PICO-Fragestellungen. Im AMNOG-Verfahren wird diese Evidenz in den gesetzlichen und methodischen Rahmen der deutschen Zusatznutzenbewertung eingeordnet. 

Wiederverwendbarkeit und nationale Verwertbarkeit sind damit zwei unterschiedliche Fragen. Das zugrundeliegende Problem ist dabei aber nicht neu: Eine klinisch überzeugende Evidenzbasis erfüllt nicht automatisch spätere HTA-Anforderungen hinsichtlich Population, Komparator und Endpunkten. Der JCA macht diese Herausforderung jedoch europäischer und damit auch komplexer. 

Fazit: gemeinsame Evidenzbasis, unterschiedliche Entscheidungen 

Tovorafenib zeigt zwei Veränderungen: Der JCA schafft operative Synergien und erweitert die frühe Market-Access-Planung um eine europäische Dimension. Die Herausforderung besteht nicht erst darin, europäische Evidenz später in nationale Verfahren zu übertragen. Bereits bei der klinischen Entwicklung muss stärker berücksichtigt werden, ob Studienpopulationen, Komparatoren und Endpunkte möglichst viele der später relevanten HTA-Fragestellungen in Europa abdecken können. 

Für sechs der acht PICO-Fragestellungen konnten aufgrund fehlender Daten für die relevanten Komparatoren keine vergleichenden Ergebnisse in den JCA einfließen. Dahinter steht eine zentrale Herausforderung: Klinische Entwicklungsprogramme werden Jahre vor dem JCA geplant, während die konkreten PICO-Fragestellungen erst deutlich später entstehen. 

Für Hersteller folgen daraus drei strategische Konsequenzen: 

  • HTA-Szenarien früh antizipieren: Potenzielle Populationen, Komparatoren und Endpunkte wichtiger europäischer Märkte sollten bereits in die Evidenzplanung einfließen.
  • Evidenzlücken vorausschauend adressieren: Zusätzliche oder externe Vergleichsevidenz für mögliche spätere PICO-Fragestellungen sollte frühzeitig mitgedacht werden.
  • JCA und nationale HTA integriert planen: Europäische Bewertung und nationale Folgeprozesse sind keine sequenziellen Projekte. Nationale Bewertungsmaßstäbe, neue Datenschnitte und potenzielle Evidenzlücken müssen von Beginn an zusammengedacht werden. 

Der JCA schafft einen gemeinsamen Ausgangspunkt, aber keine gemeinsame Entscheidung. Tovorafenib ist dabei eher ein erster Praxistest als das Zielbild des Delta-Dossiers. Wie weit sich Doppelarbeit künftig reduzieren lässt, wird die weitere Praxis zeigen. 

Die eigentliche Veränderung durch das EU-HTA-Verfahren beginnt deshalb nicht beim Delta-Dossier, sondern bereits bei der Planung der klinischen Evidenz. Hersteller müssen früher abschätzen, welche Populationen, Vergleichstherapien und Endpunkte in den wichtigsten europäischen HTA-Systemen relevant werden könnten und wie weit sich diese Anforderungen in einem gemeinsamen Entwicklungsprogramm abbilden lassen. PICO-Simulationen, länderübergreifende Comparator-Analysen und eine frühe Prüfung der HTA-Tauglichkeit von Endpunkten gewinnen damit an Bedeutung. 

 

Lesen Sie zu diesem Thema auch: 

Dr. Antje Behring, „Déjà-vu der Nutzenbewertung”, Observer Gesundheit, 26. Juni 2026.  

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