Türkisblaue Stunde im „Zazou“ in Berlin-Mitte: blaue Strahler im Treppenaufgang, Stehtische mit türkisfarbenem Überzug, türkisblaue Cocktails. Alles sehr Corporate Identity beim parlamentarischen Abend des PHAGRO. Dem dritten inzwischen – der Beginn einer (wunderbaren) Tradition, wird der Verbandsvorsitzende Marcus Freitag anmerken.
Der PHAGRO-Vorsitzende eröffnet hintersinnig. Als erstes Thema sei ihm die seit 15 Jahren nicht angepasste Vergütung des pharmazeutischen Großhandels eingefallen – Gelächter im Saal. Aber das solle es dieses Mal nicht sein. Entschieden habe er sich dann für ein Thema, bei dem die Politik etwas ändern könne, ohne Geld in die Hand zu nehmen: die Forderung, den Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland einzustellen. Freitag begründet seinen Appell mit Rosinenpickerei: 50 Prozent der Arzneimittel im Großhandel erforderten eine Kühlkette, weitere 40 Prozent seien Hochpreiser, deren Anteil am Sortiment stetig steige, während die Vergütung dafür gedeckelt sei. Der Versandhandel picke sich die Produkte heraus, die einfach zu handhaben seien und kaum kontrolliert würden, vor allem, wenn sie aus dem benachbarten Ausland verschickt werden. Die vollversorgenden Großhändler hingegen arbeiteten GDP-konform (GDP – Good Distribution Practice) und unterlägen „gnadenloser“ Aufsicht.
Bisherige Gespräche zu Auflagen für Versender oder zumindest einem Verbot des Versands von verschreibungspflichtigen Medikamenten (Rx-Versand) seien bislang folgenlos geblieben. Um gleiche Lanzen (sprich: Wettbewerbsbedingungen) herzustellen, wäre der Großhandel auch ohne GDP „okay“, schlägt Freitag scherzhaft vor, wirbt dann aber doch für die Einstellung des Versandhandels. Ergebnis wäre eine bessere Ertragsstruktur nicht nur für den Großhandel, sondern auch für die Apotheken – ohne dass dafür zusätzliche Kosten entstünden.
Und noch ein weiteres Thema spricht Freitag an, bei dem die Politik günstig Verbesserungen erreichen könne: Krisenresilienz. Genauer: die Arzneimittelreserven des Bundes für Krisenfälle. Keiner wisse, zu welchem Preis die eingekauft würden. Zudem: Wenn das Ablaufdatum erreicht ist, werden die Bestände vernichtet. Versorgungssicherheit könne man wesentlich besser organisieren, indem man die Bevorratung gemeinsam mit dem Großhandel aufsetzt. Der nämlich ist es gewohnt, große Lagerbestände permanent umzuwälzen, ohne dass Medikamente ablaufen und vernichtet werden müssen. Bislang habe noch keiner mit dem Großhandel gesprochen – aber Freitag signalisiert deutlich Gesprächsbereitschaft.
BMG-Staatssekretär Georg Kippels greift beides auf. Er wisse um das Sorgenkind Versandhandel. Ein Verbot sei allerdings nicht so einfach. Im Bundestag sehe er dafür keine Mehrheit. Zudem: Vulnerable Patienten bräuchten die Möglichkeit, sich Arzneimittel schicken zu lassen. Immerhin habe man im Rahmen der Apothekenreform bereits Auflagen etabliert – zwar nicht für die Versender, aber für die Apotheken. Im Publikum raunt jemand, das nutze leider nichts, wenn die Apotheke im Ausland sitze. Kippels gesteht ein, dass es ein „Kontroll-Lag“ gebe, aber auch Erfolge in Form von Abmahnungen und Pfändungen. Mit Blick auf Gesundheitssicherheit im Krisenfall bleibt Kippels vage: Man sei im Austausch mit der Bundeswehr, hänge das aber nicht an die große Glocke. Auch am Thema Bevorratung arbeite man und werde hierzu mit dem Großhandel sprechen. Ansonsten parliert der Staatssekretär unverbindlich: Er lobt das gute Zusammenspiel zwischen Großhandel und Apotheken, streift kurz die Weiterentwicklung gesundheitspolitischer „Bausteine“ wie das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen. Und witzelt über den neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann, dass dieser so dynamisch-trainiert sei, dass man manchmal nur hinterherkomme, wenn man eine Abkürzung kenne.
Dann eilt er zu einer Abstimmung im Bundestag. Und für die Gäste des PHAGRO beginnt der entspannte Teil des Abends in der stylischen Bar im Erdgeschoss, mit jazziger Saxophon-Musik, angeregten Gesprächen, Häppchen und Hochprozentigem. Und dem ein oder anderen Versuch an der Carrera-Bahn, Symbol für die Schnelligkeit, mit der der vollversorgenden Pharmagroßhandel die Arzneimittelversorgung der Republik sicherstellt.
Stefanie Heiß