Der Gesellschaftsabend gehört traditionell zu den Höhepunkten des zweitägigen Hausärztinnen- und Hausärztetages. In diesem Jahr traf man sich in der Berliner „Weltwirtschaft“, unmittelbar am „Haus der Kulturen der Welt“. Die Stimmung konnte nicht besser sein. Denn für eines der zentralen Projekte des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes gab es viel Rückenwind – für HÄPPI.
HÄPPI steht für „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“. Ärzte arbeiten dabei eng mit weiteren Gesundheitsberufen zusammen. Das Ziel: Praxen entlasten und Versorgung für Patienten verbessern. In Baden-Württemberg gibt es bereits 65 HÄPPI-Praxen.
Bereits am Vormittag – im neuen Veranstaltungsformat „Politik im Dialog“ des Hausärztinnen- und Hausärztetages – hatte die unparteiische Vorsitzende des GBA, Sonja Optendrenk, das Projekt gelobt. Angesichts vieler unbesetzter Hausarztstellen müsse man die Praxen so aufstellen, dass sie ihre Aufgaben auch künftig erfüllen könnten. HÄPPI sei dafür ein wichtiger Baustein. „Sowas würde man im Kollektivvertrag nicht so schnell hinbekommen“, sagte Optendrenk.
Am Abend legte BMG-Staatssekretärin Katja Kohfeld nach. Kohfeld sprach von einer „wunderbaren Steilvorlage“, die der Verband mit HÄPPI für das geplante Primärversorgungssystem geliefert habe. Das BMG müsse damit „nicht mehr am Punkt Null anfangen“. Die Teampraxis scheine der richtige Weg zu sein. Praxen mit weiteren Gesundheitsberufen seien ausdrücklich Teil der Überlegungen in ihrem Ministerium.
Beim Zeitplan zum Gesetz zur Primärversorgung wurde Kohfeld konkret. Wahrscheinlich werde es (gemeint ist der Referentenentwurf) „im November die Welt erblicken“. Geplant sei ein verpflichtendes System sowohl in der HZV als auch im Kollektivvertrag. Im Mittelpunkt stünden Koordinierung und Begleitung der Patienten.
Ganz ohne Kritik blieb der Abend dennoch nicht. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, nahm sich das Beitragssatzstabilisierungsgesetz vor. Teile davon hätten die Hausärzte „im Mark getroffen“. Dass alle sparen müssten, sei klar. Eine Mehrversorgung in der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) und in der hausärztlichen Versorgung mit einer Fixkostendegression zu belegen, konterkariere aber die eigene politische Agenda. Erste Signale für Änderungen gebe es bereits. Diese müssten nun auch Realität werden.
Auch Bundesvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth setzte Grenzen. Mehr Zugriffsrechte der Krankenkassen auf die ePA sieht sie kritisch. Gleiches gilt für eine digitale Ersteinschätzung über Kassen-Apps. Die eigentliche Versorgung müsse bei den Praxen bleiben.
Deutlich politisch wurde Buhlinger-Göpfarth mit Blick auf das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Der Verband zeige sich „fassungslos, dass eine als gesichert rechtsextreme eingestufte Partei fast die absolute Mehrheit in einem Bundesland“ habe. Deren gesundheitspolitische Positionen seien mit den Werten der Hausärzte nicht vereinbar. Buhlinger-Göpfarth kritisierte pauschale Angriffe auf Impfungen und abwertende Aussagen über ausländische Ärzte. An Hausärzte mit Migrationsgeschichte gerichtet sagte sie unter großem Applaus: „Dieser Verband steht ohne Wenn und Aber hinter ihnen.“
Dazu passte auch die Vorstellung einer neuen Meldestelle des Verbandes, um sexuelle Belästigung gegen Ärztinnen nachzugehen - ein Follow-up-Thema des Deutschen Ärztetages. Hinweise können anonym oder unter Angabe des Namens eingereicht werden. Der Verband wolle damit einen verlässlichen Rahmen für ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander schaffen.
Und dann wurde getanzt – wie immer bei den Gesellschaftsabenden der Hausärzte. Spät wurde es in der „Weltwirtschaft“.
Fina Geschonneck