Schule ist ein zentraler Ort für Prävention und Gesundheitsförderung, weil sie nahezu alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Ihre Reichweite ist jedoch nicht unbegrenzt: Schulabsentismus und Sprachbarrieren betreffen keineswegs nur kleine Randgruppen. Der aktuelle Vorstoß des BKK Dachverbands setzt an einer wichtigen Stelle an und trifft zugleich auf eine bereits breite Landschaft aus Programmen, Projekten und Unterstützungsstrukturen.
Umso wichtiger ist die grundsätzliche Frage, welche Maßnahmen tatsächlich Gesundheit, Lebensqualität und Teilhabe verbessern. Die verfügbare Evidenz spricht insbesondere für frühe, alltagsnahe und strukturell verankerte Ansätze sowie für verlässliche Schnittstellen zur medizinischen und psychosozialen Versorgung.
Kinder und Jugendliche verbringen einen erheblichen Teil ihres Alltags in der Schule. Sie erreicht nahezu alle jungen Menschen – weitgehend unabhängig von sozialem Status, Herkunft oder Gesundheitskompetenz ihrer Eltern. Es liegt daher nahe, sie stärker für Prävention und Gesundheitsförderung zu nutzen. Genau hier setzt das neue Impulspapier „Gesund. Gelassen. Gebildet.“ des BKK Dachverbands an[1].
Die darin formulierten Forderungen sind weitreichend: Gesundheit soll stärker in der Bildungspolitik verankert, die psychische Gesundheit unterstützt, Medienkompetenz gefördert und Schulgesundheitsfachkräfte flächendeckend eingesetzt werden. Schuleingangsuntersuchungen sollen weiterentwickelt und Eltern stärker einbezogen werden. Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbands, stellte diese Forderungen jüngst auch bei einer Fachveranstaltung vor, über die der Observer berichtete[2].
Der Ansatz ist zweifelsohne richtig. Gesundheit und Bildung lassen sich kaum voneinander trennen. Doch wenn Deutschland mehr Gesundheit in die Schule bringen will, sollte eine zweite Frage von Beginn an mitgedacht werden: Welche Maßnahmen verbessern am Ende tatsächlich Gesundheit, Lebensqualität und Teilhabe der Kinder? Um diese Frage beantworten zu können, lohnt zunächst ein Blick auf die gesundheitliche Lage. Denn die Herausforderungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert.
In Deutschland leben rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche. Viele klassische Public-Health-Probleme haben sich in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll verbessert. Die Säuglingssterblichkeit ist seit 1970 um rund 86 Prozent gesunken[3, 4]. Während 1979 noch 30,2 Prozent der 12- bis 17-Jährigen rauchten, waren es 2023 noch 6,8 Prozent[5, 6]. Auch die Kariesprävalenz bei Zwölfjährigen ist seit den 1970er Jahren um mehr als 80 Prozent zurückgegangen[7]. Prävention kann also sehr wohl erfolgreich sein.
Gleichzeitig ist eine andere Problemlandschaft entstanden. Psychische Belastungen, problematische Mediennutzung, Bewegungsmangel, Übergewicht und komplexe psychosoziale Problemlagen bestimmen heute einen erheblichen Teil der Diskussion. 2024 wurden bei den 10- bis 19-Jährigen rund 116.300 stationäre Behandlungen wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen verzeichnet[8]. In der COPSY-Längsschnittstudie wiesen 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen depressive Symptome auf[9]. 15,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen waren nach den bislang verfügbaren bevölkerungsbezogenen Daten übergewichtig, 5,9 Prozent adipös[10]. Gleichzeitig verbringen Jugendliche täglich mehrere Stunden am Smartphone. Knapp ein Viertel nutzte Social Media in entsprechenden Erhebungen exzessiv[11].
Diese Zahlen dürfen allerdings nicht zu einer pauschalen Krisendiagnose verleiten. 82 Prozent der Jugendlichen gaben 2025 an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein[12]. Bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität fallen die Befunde ungünstiger aus: Hier berichteten 27 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler über Einschränkungen. Bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Einkommen waren es 37 Prozent, bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf 45 Prozent[13].
Einfache Erklärungen greifen zu kurz
Die Versuchung ist groß, Übergewicht mit falscher Ernährung, psychische Belastungen mit Social Media und Bewegungsmangel mit fehlendem Schulsport zu erklären. Solche einfachen Kausalketten werden der Realität jedoch selten gerecht.
Ernährung, Bewegung und Medienkonsum beschreiben zunächst, was Kinder und Jugendliche tun. Warum sie sich so verhalten, hängt unter anderem von Gewohnheiten, Normen, Motivation und familiärer Unterstützung ab. Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die den Handlungsspielraum von Kindern und Familien prägen. Gesundheitsprobleme im Kindes- und Jugendalter sind deshalb meist nicht Folge eines einzelnen isolierten Faktors, sondern Ergebnis mehrstufiger Zusammenhänge zwischen Verhalten, Alltag und Umfeld (Quellen und umfassende Darstellung in[14]).
Ein Jugendlicher bewegt sich nicht zwangsläufig deshalb wenig, weil er die Bedeutung von Bewegung nicht kennt. Vielleicht fehlen attraktive Möglichkeiten, vielleicht spielen Gewohnheiten eine größere Rolle oder digitale Angebote sind im Alltag schlicht stärker präsent.
Gleiches gilt für Ernährung und Medienkonsum. Gesundheitskompetenz ist wichtig. Sie ist aber kein Generalschlüssel. Wissen verändert Verhalten keineswegs automatisch. Gerade dies spricht dennoch für die Schule. Sie kann Rahmenbedingungen verändern, statt ausschließlich an die Einsicht des Einzelnen zu appellieren. Der Schulalltag kann Bewegung erleichtern, gesundes Essen verfügbar machen, Medienkompetenz vermitteln, psychische Probleme früher erkennen und Zugänge zu Unterstützung schaffen. Damit dies funktioniert, muss jedoch zwischen Aktivität und Wirkung unterschieden werden.
Programme gibt es bereits reichlich
Deutschland verfügt schon heute über eine außerordentlich breite Unterstützungslandschaft. Neben der medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung existieren Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Schulbegleitung, Frühe Hilfen, kommunale Gesundheitsförderung, Präventionsangebote der Krankenkassen, Schulgesundheitsfachkräfte sowie Programme von Stiftungen, Vereinen und anderen Trägern[14]. Allein das Startchancen-Programm stellt über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro für mehr als 4.000 Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler bereit[15].
Auch Gesundheitsprogramme an Schulen sind keineswegs neu. Klasse2000 besteht seit dem Schuljahr 1991/92. Rund 2,4 Millionen Kinder haben inzwischen daran teilgenommen[16]. Das Programm fit4future startete 2005[17]. Datenbanken zur Prävention listen eine Vielzahl weiterer Projekte auf.
Teilnehmerzahlen dieser Größenordnung sind beeindruckend. Sie beantworten aber eine entscheidende Frage nicht: Teilnahme, Akzeptanz, Zufriedenheit und Wissenszuwachs sind wichtige Prozessgrößen. Sie sind jedoch keine gesundheitlichen Endpunkte. Ein Kind kann nach einer Unterrichtseinheit sehr genau wissen, welche Lebensmittel gesund sind, und sein Ernährungsverhalten dennoch nicht ändern. Ein Schüler kann nach einem Präventionsprogramm die gesundheitlichen Risiken des Rauchens korrekt benennen und einige Jahre später trotzdem rauchen.
Die Kausalkette von Information über Verständnis, Motivation und Verhaltensänderung bis zu einer langfristig besseren Gesundheit ist lang. An jeder Stelle kann die Wirkung verloren gehen.
Die Effekte sind häufig kleiner als die Erwartungen
Die verfügbare Evidenz zeigt entsprechend ein gemischtes Bild. Bei schulischen Programmen lassen sich durchaus Effekte feststellen. Für Klasse2000 wurden beispielsweise einzelne Veränderungen beim Konsum von Süßigkeiten und Softdrinks sowie beim aktiven Schulweg beobachtet[18]. Bei Alkohol, Rauchen und anderen langfristigen Verhaltensweisen sind die Ergebnisse dagegen teilweise klein, nicht konsistent oder verlieren sich im längeren Follow-up[19–21].
Auch bei Maßnahmen zur psychischen Gesundheit verbessert sich häufig das Wissen, die Gesundheitskompetenz oder das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Ob daraus weniger psychische Erkrankungen, eine bessere Lebensqualität oder dauerhaft bessere Teilhabe resultieren, wurde wesentlich seltener untersucht[14]. Das ist keine Argumentation gegen Prävention. Es ist eine Argumentation für eine anspruchsvollere Prävention.
Ein interessantes Muster zeigt sich dort, wo nicht allein Wissen vermittelt, sondern der Alltag selbst verändert wird. Kostenlose Schulmahlzeiten konnten in einer britischen Untersuchung die Adipositasprävalenz reduzieren, wenngleich die absoluten Effekte moderat blieben[22]. Eindrucksvoller sind die Ergebnisse des britischen Sure-Start-Ansatzes, der Gesundheitsangebote mit früher Bildung, Kinderbetreuung und Elternunterstützung verknüpfte. Neben kleinen Bildungseffekten wurden weniger Hospitalisierungen, deutlich weniger psychisch bedingte Krankenhausaufnahmen in bestimmten Altersgruppen und weniger unentschuldigte Fehlzeiten beobachtet[23]. Das Grundprinzip erscheint plausibel: Struktur verändert Verhalten verlässlicher als Appell.
Schulgesundheitsfachkräfte sind Gewinn
Schulgesundheitsfachkräfte beispielsweise sind nicht einfach ein weiteres Präventionsprogramm. Richtig eingesetzt können sie eine dauerhafte Infrastruktur bilden. Sie sind vor Ort, kennen die Schule, können gesundheitliche Probleme früh erkennen, chronisch kranke Kinder begleiten und den Übergang zu weiteren Hilfen unterstützen[24, 25].
Auch eine Stärkung der psychischen Gesundheit ist besonders dann relevant, wenn sie nicht bei Projekttagen und Informationsmaterialien stehenbleibt. Niedrigschwellige, verlässliche Zugänge könnten eine Lücke schließen, die außerhalb der Schule derzeit beträchtlich ist. Das setzt allerdings voraus, dass Schulgesundheitsfachkräfte nicht nur Unterstützungsbedarf erkennen, sondern aktiv bei der Vermittlung geeigneter und möglichst zeitnah verfügbarer Hilfen unterstützen. Ob dies angesichts begrenzter Versorgungskapazitäten in der Praxis tatsächlich gelingt, muss sich zeigen.
Nach aktuellen Erhebungen erhält eine kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxis durchschnittlich sechs bis sieben Anfragen pro Woche. Nur etwa die Hälfte der Anfragenden bekommt einen Sprechstundentermin. Von den behandlungsbedürftigen jungen Menschen erhält anschließend wiederum nur ein Teil einen Therapieplatz. Von der ersten Anfrage bis zum Therapiebeginn vergehen durchschnittlich mehr als 30 Wochen[26]. Auch bedeutet ein erster Termin noch nicht zwangsläufig den Beginn einer Behandlung: Häufig stehen zunächst Diagnostik und weitere Abklärung im Vordergrund.
Auch Sozialpädiatrische Zentren und autismusspezifische Angebote weisen teilweise monatelange bis über einjährige Wartezeiten auf[27, 28].
Damit bekommt die Diskussion über Prävention eine zweite Dimension. Frühes Erkennen ist wenig wert, wenn auf das Erkennen keine verfügbare Hilfe folgt. Doch auch eine verfügbare Maßnahme garantiert noch keinen Nutzen für den Patienten. Ob eine Therapie tatsächlich hilft, ist eine weitere Frage[14].
Zu Recht hebt das BKK-Papier auch Eltern und Sorgeberechtigte hervor. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Mediennutzung und Tagesstruktur werden wesentlich im familiären Alltag geprägt[29, 30]. Allerdings hat die starke Einbindung der Eltern eine Kehrseite: Sie setzt Ressourcen voraus.
Zeit, Sprachkompetenz, organisatorische Fähigkeiten, psychische Stabilität und finanzielle Möglichkeiten sind höchst ungleich verteilt. Je stärker ein Programm auf kontinuierliche Mitarbeit der Familien angewiesen ist, desto größer ist die Gefahr, gerade jene Kinder schlechter zu erreichen, die am stärksten profitieren könnten.
Auch deshalb haben strukturelle Angebote einen Vorteil. Eine gute Schulmahlzeit setzt keine besondere Gesundheitskompetenz der Eltern voraus. Eine bewegungsfreundliche Schulumgebung verlangt keine Anmeldung im Sportverein. Eine erreichbare Schulgesundheitsfachkraft erfordert kein kompliziertes Wissen über das Versorgungssystem. Prävention kann damit zugleich Gesundheitsförderung und Chancenausgleich sein.
Nicht mehr Projekte, sondern bessere Strukturen
Was folgt daraus?
Erstens sollte die gegenwärtige Aufmerksamkeit für Kinder- und Jugendgesundheit genutzt werden. Die Schule ist einer der wenigen Orte, an denen praktisch alle Kinder erreicht werden können. Der BKK Dachverband setzt deshalb an einem wichtigen Punkt an.
Zweitens sollte der Erfolg nicht an der Zahl neu geschaffener Programme gemessen werden. Deutschland hat kein grundsätzliches Defizit an Aktivitäten. Was vielfach fehlt, sind kontinuierliche Strukturen, verlässliche Schnittstellen und belastbare Wirkungsnachweise.
Drittens gehört Evaluation von Anfang an dazu. Wer größere Mittel in Schulgesundheit investiert, sollte nicht nur dokumentieren, wie viele Schulen teilnehmen, wie viele Fachkräfte geschult oder wie viele Unterrichtseinheiten durchgeführt wurden. Entscheidend ist nicht die Aktivität selbst, sondern ob sie zu relevanten Verbesserungen bei Gesundheit, Lebensqualität oder Teilhabe führt.
Und viertens müssen die unterschiedlichen Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt werden. Familiäre Strukturen, kulturelle Prägungen, Mediennutzung, Vorbilder, Gewohnheiten und Zukunftsvorstellungen unterscheiden sich teils erheblich[31]. Einheitliche Angebote werden deshalb zwangsläufig unterschiedliche Reichweiten und Wirkungen haben.
Erfolgversprechender als immer neue, nebeneinanderstehende Einzelmaßnahmen erscheinen frühe, alltagsnahe und strukturell verankerte Ansätze. Daran sollten sich auch die jetzt diskutierten Maßnahmen zur Stärkung der Kinder- und Jugendgesundheit orientieren.
Gesundheit gehört stärker in die Schule. Aber nicht, indem die ohnehin stark beanspruchten Schulen mit immer neuen Aufgaben, Programmen und Projekten überzogen werden. Benötigt werden Strukturen, die den Schulalltag erleichtern, Kinder tatsächlich erreichen und diejenigen professionellen Hilfen verfügbar machen, die bei erkannten Problemen gebraucht werden. Viel tun ist gut. Viel bewirken wäre besser.
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