Jubelt da jemand? Tatsächlich. Im Motorwerk in Weißensee brandet Jubel auf. Was ist der Anlass? Der BPI feiert am 10. Juni 2026 sein 75jähriges Jubiläum, und Dorothee Bär hält die Festrede. Die Bundesforschungsministerin steht in der ehemaligen Elektromotorenfabrik auf einer runden Bühne ohne Pult („wie bei einer Stand-up Comedy“) und wirkt kein bisschen verloren. Es zeigt sich: Wer sich auf bayerischen Bühnen durchsetzt, hat in Berlin leichtes Spiel. Und Dorothee Bär hat sich durchgesetzt.
BPI-Präsident Oliver Kirst würdigt ihren persönlichen Sonderstatus: Mit 50,9 % der Erstimmen wurde die Fränkin bei der letzten Bundestagswahl deutsche Erststimmenkönigin – nach bereits 24 Jahren im Bundestag! Der Titel der „Erststimmenkönigin“ stammt übrigens aus einer offiziellen Meldung des Parlaments. Wer das schafft, muss reden können. Und reden kann die Bär. Trotz ihres akademischen Ressorts sieht sie vieles eher handfest. Zum Beispiel die Demografie. Bär berichtet, ihr Gatte sei Landrat und gratuliere jedem 100-Jährigen persönlich zum Geburtstag. Die Termine würden zwar immer mehr, die Jubilare seien aber nicht immer in bestem Zustand. Ihr gehe es ums gesunde Altern, und dafür brauche man die Forschung. Die Gesundheitsforschung sei daher ihr persönlicher Liebling unter den acht Abteilungen des Ministeriums. Ein solches Bekenntnis wäre eigentlich schon Grund genug zum Jubeln, aber es kommt noch besser.
Lieferengpass in höheren Sphären
Frauenpower aus der bayerischen Provinz (Wahlkreis Bad Kissingen) heißt bei Bär: kein Blatt vor den Mund nehmen. Die Ministerin berichtet den anwesenden Männern, in ihrem Büro stehe gut sichtbar das schönste Geschenk, das sie je von einem Unternehmen bekommen habe: Ute, der pinke Uterus als Plüschtier. Das habe einen ernsten Grund. Gerade, weil viele Männer bei dem Wort „Gender“ zur Schnappatmung neigten, liege ihr ein Ziel besonders am Herzen: die Frauengesundheit. Da bricht der Jubel los. Irgendwo in der riesigen Halle gibt es eine jubelnde Insel. Wahrscheinlich ein Tisch mit geballter Frauenpower; entsprechende Gruppen gibt es im Gesundheitswesen ja einige. Oliver Kirst wird im Laufe des Abends noch darauf eingehen: zur Frauengesundheit werde viel geforscht. Dafür brauche es aber geeignete Rahmenbedingungen. Derzeit sei das Glas halb leer, das reiche nicht. Kirst beschreibt die Problemlage am Standort Deutschland mit einem Bild: Vielleicht brauche es größere Gläser – durch Wachstum. Dazu könnten die Mitgliedsfirmen des BPI einen wichtigen Beitrag leisten, wenn nur die Rahmenbedingungen stimmen. BPI-Präsident an Kabinettsmitglied, Botschaft gesetzt.
Später in ihrer Rede beleuchtet Dorothee Bär noch ein akutes Problem der Arzneimittelversorgung. Sie erläutert: Als Ministerin für Forschung und Raumfahrt freue sie sich auf einen bevorstehenden Parabelflug (ein ungewöhnliches Flugmanöver, mit dem eine fast schwerelose Situation erreicht wird). Der Astronaut Alexander Gerst habe ihr empfohlen, vorher „Antispuckpillen“ zu nehmen – und nun erfahre sie von Kai Joachimsen, dem Hauptgeschäftsführer des BPI, dass ausgerechnet diese Pillen knapp seien. Lieferengpässe seien doch ein ernstes Problem. Außerdem habe sie den BPI-Brief zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz gelesen. Das war´s dann auch schon zur Gesundheitspolitik. Handfest und knapp. Die Gäste sind ihr dankbar. Lange Reden will bei Jubiläen eh keiner hören. Nun könnte man der Forschungsministerin vorwerfen, sie sei recht leichtfüßig unterwegs. Schließlich ist es wohlfeil, die Pharma-Industrie zu umgarnen, wenn man sich nicht um deren Preise kümmern muss. Dorothee Bär hat aber bereits bewiesen, dass sie auch seriös und nüchtern kann. Beim Start der „Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ hatte man (am 30.1. vor der Bundespressekonferenz) den Eindruck, das schwierige Thema Long/Post Covid sei bei ihr sehr gut aufgehoben. Diese neue Dekade der Forschungsförderung aus Steuermitteln („danke dafür“) darf in ihrer Festansprache beim BPI nicht fehlen, wenn auch nur kurz erwähnt.
Mutige Genossen und grüne Empörung
Eine Solidaritätsadresse ganz anderen Kalibers kommt in derselben Woche aus der SPD. Wenige Tage vor dem BPI-Jubiläum gehen zwei mutige Genossen aus dem Gesundheitsausschuss an die Öffentlichkeit mit der Botschaft: „Wir machen die Pharmaindustrie zur Champions-Industrie – oder sie wandert ab“. Die SPD-Politiker Christos Pantazis und Matthias Mieves fordern bessere Bedingungen für Pharma-Unternehmen, die an deutschen Standorten produzieren und forschen. Die Autoren gehen damit ein großes politisches Risiko ein. Schließlich ist es in bestimmten Kreisen verpönt, sich für die Belange der Pharma-Industrie stark zu machen. Irgendeiner hat immer eine schmissige Empörung auf Lager. So ist es auch in diesem Fall. Besonders schmissig empört sich Dr. Paula Piechotta MdB von den Grünen. Zwei Tage nach dem BPI-Jubiläum verkündet die Radiologin im Bundestag allen Ernstes, die SPD solle sich lieber um „die Rentnerin“ kümmern, als um die Pharma-Industrie. Wer sich für Pharma-Standorte einsetze, der sei hier falsch. Bei der Plenardebatte zur Einführung des neuesten Spargesetztes schmettert sie den zwei Kollegen aus der SPD-Fraktion entgegen: „Sie sitzen hier falsch“. Da soll nochmal einer behaupten, die Grünen wären gouvernantenhaft. Weit gefehlt!
Es ist halt eine bewegte Zeit und der BPI feiert mittendrin in einer Woche, in der alles geboten wird, was die Pharma-Industrie an Emotionen zu Tage bringt: von launiger Sympathie einer Ministerin bis hin zur intellektuellen Entgleisung einer Dauerempörten. Der emotionale Höhepunkt sind allerdings die jubelnden Frauen im ehemaligen Elektromotorenwerk am Rande der Stadt. Ein schönes Bild zum 75. Geburtstag des BPI. Wir gratulieren herzlich.
Sebastian Hofmann