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Digital-Aktionismus im Blindflug

Zu den „ersten Erkenntnissen“ des GKV-Spitzenverbandes „zur datengestützten Erkennung individueller Gesundheitsrisiken“

Prof. Dr. med. Jürgen Windeler

Sie scheinen sich zum magischen Allheilmittel für Probleme im Gesundheitssystem zu entwickeln: Digitalisierung und Prävention in aller Munde. Angefangen von den Diskussionen über Zucker-, Alkohol- und Tabaksteuer vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Vorschläge, Initiativen und Kampagnen ins Gespräch gebracht werden, so auch eine „Präventionsoffensive“ mit „Mentalitätswandel“ aus dem BMG. Und in diese Überlegungen hinein platzt eine Pressemitteilung des GKV-Spitzenverbandes (GKV-SV): „Datengestützte Prävention wirkt“! In einem ergänzenden Ergebnispapier werden „erste Erkenntnisse“ aus der Anwendung des § 25b SGB V präsentiert.

„Es geht voran in diesem Land!“ Der Kabarettist blickt verschmitzt ins Publikum. „Der Verkehrsminister hat an Autofahrer einen Brief geschrieben. Ich lese mal vor: Datengestützt …“, der Kabarettist betont das Wort und macht eine kurze Kunstpause, „… datengestützt habe ich – also der Minister – festgestellt, dass Sie einen Eintrag in der Verkehrssünderkartei haben. Das ist nicht schön. Bedenken Sie: Wenn Sie Ihr Verhalten nicht ändern, gefährdet das zukünftig Sie selbst und andere Menschen. Ich empfehle Ihnen das Training: ‚Sicher und regeltreu durch unser schönes Land‘, das von meinem Ministerium entwickelt wurde.“ Der Kabarettist hält erneut inne und wartet die aufkommende Erheiterung im Saal ab. „Soweit der Brief. Heute wurden die Ergebnisse präsentiert: 7,5 % der Angeschriebenen haben das Training absolviert. Für die Nicht-Mathematiker unter euch: Das war einer von 13.“ Der Kabarettist wirft sich in Positur und imitiert die Stimme des Ministers: „Ein messbarer Erfolg und ein großer Schritt zu einem sicheren Straßenverkehr – Prävention wirkt!“ 

Der Saal applaudiert und amüsiert sich köstlich über diesen großartigen „Erfolg“; der nächste Sketch folgt. Aber durch das Gelächter kann man auch andere Stimmen vernehmen: „Wie peinlich ist das denn?“ 

Kabarett versus tägliches Leben 

Lustig oder blamabel – in der Tat fragt man sich manchmal, ob das tägliche Leben nicht bessere Kabarettnummern hervorbringt, als sie sich ein Komiker ausdenken kann. Die Überschrift der Pressemitteilung „Datengestützte Prävention wirkt“ basierte auf den Schreiben von Krankenkassen an 1,5 Millionen GKV-Versicherte. Man hatte sie aufgrund ihrer „individuellen Gesundheitsrisiken“ angeschrieben, die die Kassen – der Digitalisierung sei Dank – in ihren Daten identifiziert hatten. So sieht es der § 25b SGB V vor, eine Lauterbachsche Erfindung, die die Kassen begeistert (siehe „Die Gesundheits-Nina“, Observer Gesundheit, 20. September 2023). 

Toll, was Digitalisierung möglich macht! Der „Erfolg“, dargelegt in einem 2-seitigen „Ergebnispapier“: Ca. 7 ,5% der Angeschriebenen hatten in der Folge die ihnen empfohlene Maßnahme eingeleitet. 

Mengenmäßig, mit 1,3 der 1,5 Millionen, dominierten Empfehlungen, Impflücken zu schließen. Diese seien „besonders erfolgreich“ gewesen: 10% – großartig! Auch bei der Krebsfrüherkennung habe es „deutliche Effekte“ gegeben: Von Menschen, für die nach einer Darmspiegelung Nachkontrollen anstanden, ließen 7% eine Koloskopie durchführen. Das in Verruf geratene Hautkrebs-Screening gehörte offenbar ebenfalls zu den Empfehlungen „bei im Freien tätigen Versicherten“ – ganz digital ermittelt. Die „Erfolgsrate“ erfährt man leider nicht. 

„Messbarer Erfolg“? 

Der „messbare Erfolg“ bestand also darin, dass mehr als 90 % der Angeschriebenen (man kann es wohl eine überwältigende Mehrheit nennen) ihren Brief nicht gelesen, nicht verstanden, weggeworfen, nicht ernst oder nicht wichtig genommen haben. Nur 0,4% hätten von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch gemacht, heißt es stolz – was aber meist, wie bei der ePA, mit mangelnder Aufklärung zu erklären ist. Genaugenommen waren es über 90 %, die – passiv – widersprochen, man könnte auch sagen, „Widerstand“ geleistet haben. Neben den insgesamt spärlichen Angaben, die nach üblichen Maßstäben eher Miss- als Erfolg verdeutlichen, liegt die eigentliche Peinlichkeit aber in der Werbeaussage „Prävention wirkt“. 

Wenn man Briefe verschickt und hinterher zählt, wie viele Menschen auf diese Briefe in empfohlener Weise reagiert haben, dann mag man vielleicht zu einer Aussage kommen, ob die Briefe „gewirkt“ haben – diese offensichtlich nicht! Dass aber ein Brief als solcher mit Prävention gleichzusetzen ist, kann man wohl nicht ernsthaft in Erwägung ziehen – in der „Präventionsoffensive“ des BMG wird „Briefe schreiben“ jedenfalls nicht erwähnt. Man könnte vielleicht zu der Auffassung kommen, dass eine durchgeführte, von der STIKO empfohlene Impfung als solche als erfolgreiche Prävention anzusehen ist. Aber 10 %? Bei einem Läusemittel mit dieser Erfolgsrate würde man sofort sein Geld zurückfordern. 

Und selbst wenn man sich über 10% Response freut, führt dies zu der nächsten Frage: Wie viele derjenigen, die sich nach Erhalt des Briefes haben impfen oder koloskopieren lassen, hatten diesen Termin bereits vorher vereinbart? Oder zugespitzt: Wie viele derjenigen, die bereits einen Termin vereinbart hatten, wurden durch den Ärger über das aufdringliche Schreiben ihrer Krankenkasse davon abgehalten, diesen Termin tatsächlich wahrzunehmen? Wie immer erlaubt nur ein angemessener Vergleich die Aussage, ob etwas „wirkt“. Wir kennen nun die desaströse Responserate, ob es „wirkt“, weiß niemand. 

Das „Ergebnispapier“ bewegt sich auf dem gleichen tiefen Niveau wie der vor einigen Wochen veröffentlichte DiGA-Report. Auch dessen Verantwortliche meinten offenbar, Verkaufszahlen hätten irgend etwas mit medizinischem Nutzen zu tun, oder das Herunterladen einer App mit guter Versorgung. Herrlich, so ein durchdigitalisiertes Gesundheitssystem! Was schert da sowas Anstrengend-Altmodisches wie Evidenz? 

Man darf die Pressemitteilung und ihr „Ergebnispapier“ wohl als Flankierung der Pläne der Gesundheitsministerin sehen, im neuen Gesetz „für Daten und Digitale Innovation“ (GeDIG) weitere Zugriffe durch die Krankenkassen, auch auf die ePA-Daten, vorzusehen – alles nur zum Wohle der Versicherten. Denen ist das alles – und wenn es noch so digital/datengestützt daherkommt – aber herzlich egal. Sie sind nämlich gerade im analogen Leben auf der verzweifelten Suche nach einem Arzttermin oder warten seit 4 Stunden in einer Notfallambulanz. 

„Präventionsoffensive“ des BMG 

Die Pläne des BMG umfassen auch eine „Präventionsoffensive“. Dort finden sich sinnvolle (nicht sehr neue) Themen, die die Verhältnisprävention betreffen. Ziemlich unverbindlich, das meiste, allein schon, weil eine Umsetzung gar nicht in der Macht des BMG liegt. Und, wie man gerade erlebt hat, ist dann, wenn es zum Schwur kommt, der Wirtschafts- / Pharmastandort Deutschland sowieso wichtiger als die gesundheitliche Versorgung der Menschen. Auch in der Offensive wird aber das Heil im Checken gesucht: Es soll ein „verpflichtendes (digitales) Einladewesen für Kinder und Jugendliche“ zu den U’s geben, die „Früherkennungsuntersuchungen in allen Altersbereichen und über alle Bevölkerungsgruppen hinweg“ sollen „gestärkt“ und ein „Check-Up 60+“ eingeführt werden. 

Das Papier nennt darüber hinaus „gezielte Präventionsangebote auf Basis ausgewerteter eigener Versichertendaten der Kassen“. Was das heißt, beschriebt die Ministerin in einem Brief an die Fraktionen der Koalition am 15.7., in dem sie für ihr Digital-Gesetz wirbt: „Darüber hinaus sollen Krankenkassen mehr Innovationsmöglichkeiten beim Ausbau der ePA erhalten und sie kassenindividuell um zusätzliche Anwendungen ergänzen – etwa mit Informationen zu individuell geeigneten Vorsorgeuntersuchungen oder Erinnerungen für den nächsten Checkup …“. Und als ob das Maß noch nicht voll wäre: Das verquaste Gutes-Herz-Gesetz, von dem man gehofft hatte, dass es ein ehrwürdiges Begräbnis erhalten hatte, wurde im Koalitionsausschuss wiederbelebt: „etablieren wir eine gesetzlich geregelte Infarktvorsorge“.   

Digitalisierte „Innovationsmöglichkeiten“ zum Check all over – Nein, die Verantwortlichen haben nichts verstanden.

Noch mehr Menschen zu Arztterminen drängen? 

Es mutet absurd an: In Zeiten, in denen besorgt über die Aufrechterhaltung der ambulanten Versorgung im Hinblick auf Termine, Arztsitze, überfüllte Notfallambulanzen und Zugang zur Psychotherapie diskutiert und Lösungen erwogen werden, findet man begeistert Gefallen an der Idee, mit „Vorsorge“ noch mehr Menschen zu Arztterminen, Abklärung von Verdachtsfällen und anderen Leistungen zu drängen. Wobei das sich anbahnende Mengenproblem und damit die weitere Verschlechterung für tatsächlich Bedürftige dadurch getoppt wird, dass für fast keine dieser Vorsorgemaßnahmen oder Checks ein Nutzen überzeugend belegt ist. 

Nichts ist gegen sinnvolle Prävention einzuwenden. Sie kann „wirken“. Aber wenn das „Ergebnispapier“ zeigen sollte, was die Aktionen der Kassen leisten, kann man nur von einer eklatanten Bauchlandung sprechen. Ob hier die glänzenden Lobbyistenaugen den Blick vernebelt haben oder KI am Werke war – die Stimmen hatten schon recht: „Wie peinlich ist das denn?“

 

Literatur: 

 

Lesen Sie vom Autor auch: 

„Finanzkommission setzt wichtige Signale für evidenzbasierte Medizin“, Observer Gesundheit, 2. April 2026,

„Wie mit ´unseren` Daten alles besser wird …“, Observer Gesundheit, 19. Februar 2026,

„Impulse zur Neujustierung des AMNOG? – Kamellen!“, Observer Gesundheit, 20. Januar 2026.

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