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Krankenhausausgaben 2027: Steigerung der Erlöse schafft Handlungsspielräume

Dr. Jürgen Malzahn, Johannes Wolff

„Kliniksterben“, „Insolvenzwelle“, „dramatische Lage“ – wer den aktuellen Rufen der Krankenhauslobby lauscht, muss glauben, das deutsche Gesundheitssystem stehe kurz vor dem endgültigen Kollaps. Die Forderung nach immer neuen Krisensitzungen und Sofortprogrammen ist zum festen Ritual geworden. Doch werfen wir einen nüchternen Blick auf die Fakten, der bei einigen Branchenvertretern für ungläubiges Kopfschütteln – oder deutlich erhöhten Blutdruck – sorgen dürfte: Den deutschen Krankenhäusern steht im kommenden Jahr genug Geld zur Verfügung.

Mehr noch: Statt in einer prekären Lage zu versinken, dürfen sich die Kliniken auf spürbare Erlössteigerungen und neue Handlungsspielräume freuen. Es wird Zeit, die rhetorischen Alarmglocken abzustellen und sich der wirtschaftlichen Realität zu stellen.

Noch vor der diesjährigen Sommerpause haben Bundestag und Bundesrat das Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) beschlossen. Im Mittelpunkt des Gesetzes steht die Rückbesinnung auf den Wirtschaftlichkeitsgrundsatz: Ab 2027 soll die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) nicht mehr ausgeben als sie an Einnahmen aus Beitragsgeldern der Versicherten und Arbeitgeber generiert. Diese einnahmeorientierte Ausgabenpolitik soll endlich den Anstieg der Zusatzbeiträge und die zunehmende Belastung des Wirtschaftsstandortes Deutschland stoppen. Sie gilt für alle Ausgabenbereiche der GKV, auch für den stationären Bereich.

Weder Minus- noch Nullrunde für Krankenhäuser

Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik bedeutet aber weder eine Nullrunde noch eine Minusrunde, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) immer wieder behauptet. Sie begrenzt nur den Ausgabenanstieg. Denn wenn sich die Einnahmen der GKV erhöhen, können auch die Ausgaben für die Krankenhausbehandlung steigen.

Statt also angebliche Kürzungen zu behaupten, empfiehlt sich ein nüchterner Blick auf die erwartbaren Erlöszuwächse der Krankenhäuser im Jahr 2027. Es ist davon auszugehen, dass die Ausgaben der GKV für die Krankenhausbehandlung auch im Jahr 2027 steigen werden. Berücksichtigt man zusätzlich die Kostensenkungen durch Entbürokratisierungsmaßnahmen sowie eine zu erwartende Tarifrate, ergibt sich für die Kliniken 2027 sogar ein noch positiverer finanzieller Gesamteffekt. Es ist ein sehr großer Zuwachs an liquiden Mitteln und wirtschaftlichem Handlungsspielraum zu erwarten, obwohl die Bettenauslastung der Krankenhäuser nach wie vor ungefähr 5 Prozentpunkte geringer ist als im Jahr 2019. Wenn das politische Ziel der Ambulantisierung von Krankenhausleistungen konsequenter als bisher umgesetzt wird, sind mittelfristig weiteren Fallzahlabsenklungen zu erwarten.

Welche Erlössituation ist im kommenden Jahr für die Krankenhäuser zu erwarten? Bei einem Blick auf die jetzt schon bezifferbaren Erlössteigerungen 2027 ergibt sich folgendes Bild:

  • Die Obergrenze für die Preiskomponente der Krankenhausvergütung steigt um „Grundlohnrate minus 1 Prozent“. Bei einer Grundlohnrate von 4,43 Prozent sind dies 3,43 Prozent oder 4,1 Mrd. Euro.
  • Es werden 550 Mio.  Euro zusätzliche Mittel durch Rechnungsaufschläge finanziert, dies entspricht 0,46 Prozent.
  • Eine Mengenentwicklung von 1 Prozent bedeutet 1,18 Mrd. Euro Erlössteigerung. Ein halbes Prozent ergibt einen Zusatzerlös von rund 590 Mio. Euro. Die Mengenanreize aus den gesetzlichen Vorgaben sind erheblich.
  • Für die Vereinbarung des Landesbasisfallwerts für das Jahr 2027 wird der für das Jahr 2026 vereinbarte oder festgesetzte Landesbasisfallwert ohne Ausgleiche um 1,14 Prozentpunkte erhöht. Damit wird die Preiskomponente der Krankenhausvergütung um 1,35 Mrd. Euro angehoben. 

Finanzieller Spielraum erweitert sich

Dies entspricht ohne Berücksichtigung einer möglichen Tarifrefinanzierung für das Jahr 2027 bei einem Mengenanstieg von 0,5 Prozentpunkten einer Erlössteigerung von 6,59 Mrd. Euro bzw. ca. 5,5 Prozent.

Außerdem gibt es eine Reihe von möglichen Erlössteigerungen bzw. Kostensenkungen, die im Jahr 2027 greifen werden:

  • Die Auswirkungen der 50-prozentigen Berücksichtigung der Tarifrate können derzeit noch nicht beziffert werden. Für die aktuelle Berücksichtigung der Tarifrate im Jahr 2026 ergibt sich ein Wert von 0,29 Prozent. Dies entspräche einem Betrag von weiteren 340 Mio. Euro für die Krankenhäuser. Aufgrund der hohen Streikbereitschaft des medizinischen Personals gibt es wenig Anlass davon auszugehen, dass die Tarifabschlüsse sich stärker an die Grundlohnrate annähern werden.
  • Zudem wird es Effizienzgewinne durch den Wegfall der PPR 2.0 und den Verzicht auf weitere Personalbedarfsbemessungsinstrumente geben. Wenn die Entbürokratisierung bisher gebundene Arbeitszeit für die Pflege am Bett freisetzt, entstehen den Krankenhäusern also geringere Kosten. Die DKG bezifferte eine Stunde Zeitgewinn mit zusätzlichen Pflegekapazitäten von knapp 50.000 Vollkräften. Mit dem Wegfall der aufwendigen täglichen Dokumentation und weiteren Maßnahmen zur Entbürokratisierung sollte dieser Wert erreicht werden können. 50.000 Pflegekräfte entsprechen fast 10 Prozent des Krankenhauspflegepersonals, das 2027 in der Pflege am Bett eingesetzt werden kann. Dies entspricht in etwa einer Kostenverminderung von 2,5 Mrd. Euro, die aufgrund optimaler Nutzung des zusätzlichen Handlungsspielraums zur Verfügung stehen, wenn das Pflegebudget mit 25 Mrd. Euro zugrunde gelegt wird. Zumindest eine hälftige Nutzung des Potenzials durch entsprechende personalwirtschaftliche Maßnahmen erscheint realistisch, sodass von klinikinternen Kosteneinsparungen in Höhe von 1,25 Mrd. Euro auszugehen ist, die nicht durch die GKV finanziert werden müssen, den Krankenhäusern aber als freigewordene Mittel unmittelbar zugutekommen.

Sinneswandel erforderlich

Wenn diese beiden Effekte eintreten, erweitert sich der finanzielle Spielraum der Krankenhäuser um weitere 1,59 Mrd. Euro. Die positiven finanziellen Effekte aus reinen Erlössteigerungen und internen Kostenentlastungen summieren sich damit aus Krankenhaussicht auf insgesamt 8,18 Mrd. Euro (entspricht ca. 6,9 Prozent der Ausgangsbasis). Es gibt für die Krankenhäuser also ausreichend Finanzmittel und unternehmerische Möglichkeiten, um die Transformation zu einer effizienteren Krankenhauslandschaft mit besserer Versorgungsqualität für die Patientinnen und Patienten umzusetzen.

Dafür ist in Teilen der Krankenhausbranche aber ein Sinneswandel erforderlich: Die permanenten Proteste gegen die gesamtgesellschaftlich notwendige Stabilisierung des Anstiegs der Sozialversicherungsbeiträge müssen ein Ende haben. Die Krankenhäuser müssen endlich damit anfangen, die Herausforderungen konstruktiv anzugehen. Agaplesion-Chef Dr. Markus Horneber hat es in einer Pressemitteilung des Konzerns vom 10. Juli auf den Punkt gebracht: „Wir als Betreiber haben es in der Hand, den Herausforderungen mit guter Führung, Innovationsgeist und Kreativität auf einer tragfähigen Unternehmenskultur zu begegnen.“

Dr. Jürgen Malzahn

Abteilungsleiter stationäre Versorgung und Rehabilitation im AOK-Bundesverband

Johannes Wolff

Abteilungsleiter Krankenhäuser im GKV-Spitzenverband

 

Lesen Sie von den Autoren auch:

Ohne Kurswechsel keine Beitragssatzstabilität“, Observer Gesundheit, 5. März 2026.

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