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Ein Ja zu Reformen im Gesundheitssystem

Nicht jede Kürzung ärztlicher Vergütungen verschlechtert die Versorgung

Dr. Christine Wagner, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Master of Public Health (MPH)

Nicht alles, was neu ist, ist gut. Aber auch nicht alles, was Bestand hat, ist automatisch besser. Wenn verhindert werden soll, dass die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung weiter steigen, werden Reformen unvermeidlich sein. Für die kommenden Jahre werden milliardenschwere Finanzierungslücken erwartet. Gleichzeitig entsteht schnell der Eindruck, jede Einsparung im Gesundheitswesen führe zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Versorgung. Doch diese Gleichung greift zu kurz. 

Deutschland gibt so viel Geld für Gesundheit aus wie kaum ein anderes Land in Europa. Trotzdem erleben viele Versicherte lange Wartezeiten auf Facharzttermine, Schwierigkeiten bei der Terminvergabe und eine zunehmende Unzufriedenheit mit der Organisation der Versorgung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Geld wir ausgeben, sondern auch wofür. 

Nicht jede vergütete Leistung führt automatisch zu einer Verbesserung der Versorgung. Einige Maßnahmen wurden mit guten Absichten eingeführt, haben ihre Ziele aber bislang nur eingeschränkt erreicht. 

Vergütung der Aufklärung zur Organspende hinterfragen

Ein Beispiel ist die Vergütung der Aufklärung zur Organspende. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar. Ärztinnen und Ärzte sollen das Gespräch mit ihren Patientinnen und Patienten suchen und so die Zahl der Organspenden erhöhen. Diese Vergütung sollte hinsichtlich ihrer Wirksamkeit evaluiert werden. Wenn sich dabei zeigt, dass die Maßnahme keinen relevanten zusätzlichen Beitrag zur Organspendebereitschaft leistet, muss die Frage erlaubt sein, ob die eingesetzten Mittel an anderer Stelle wirksamer eingesetzt wären. 

Würde eine solche Vergütung gestrichen, wäre das zunächst ein finanzieller Einschnitt für die abrechnenden Praxen. Gleichzeitig entfiele aber auch eine zusätzliche Aufgabe. An Aufgaben, die einen messbaren Versorgungseffekt haben, mangelt es im Praxisalltag schließlich nicht. 

Bei der Patientensteuerung zeigt sich ein anderes Problem. Hausarztvermittlungsfälle, Terminservicestellen und Dringlichkeitscodes waren gut gemeinte Antworten auf reale Versorgungsprobleme. Sie haben wichtige Impulse gesetzt und das Thema Patientensteuerung stärker in den Fokus gerückt. Dennoch berichten viele Patientinnen und Patienten weiterhin von erheblichen Schwierigkeiten bei der Terminvergabe. Wer heute keinen Dringlichkeitscode vorweisen kann, hat oft das Gefühl, im Nachteil zu sein. 

Hausarztvermittlungsfall nicht automatisch dauerhaft fortführen

Die fortbestehenden Probleme sprechen allerdings nicht zwingend für die dauerhafte Fortführung bestehender Vergütungsanreize. Sie können ebenso ein Hinweis darauf sein, dass die zugrunde liegenden Steuerungsprobleme mit diesen Instrumenten allein nicht gelöst werden können. Gerade deshalb erscheint es sinnvoll, bestehende Vergütungsanreize wie den Hausarztvermittlungsfall nicht automatisch dauerhaft fortzuführen. Wenn ein Instrument seinen Zweck vor allem darin hatte, eine Entwicklung anzustoßen, muss nach einiger Zeit die Frage erlaubt sein, wie der nächste Schritt aussieht. Das Ziel sollte nicht sein, einzelne Vergütungsregelungen um ihrer selbst willen zu erhalten, sondern die Patientensteuerung konsequent weiterzuentwickeln. Die Abschaffung eines finanziellen Anreizes bedeutet deshalb nicht zwangsläufig einen Rückschritt. Sie kann auch Ausdruck des Anspruchs sein, tragfähigere und langfristig wirksamere Lösungen zu finden.

Reformen werden oft als Bedrohung wahrgenommen, weil sie bestehende Strukturen infrage stellen. Doch nicht jede Veränderung ist eine Kürzung. Manchmal ist sie eine notwendige Umstrukturierung. Ein Gesundheitssystem, das langfristig finanzierbar bleiben soll, muss den Mut haben, Maßnahmen regelmäßig auf ihren Nutzen zu überprüfen und sich auch von solchen zu trennen, die ihre Ziele nicht ausreichend erreichen.

Sicher muss sich die Arbeit der Menschen im Gesundheitswesen weiterhin lohnen. In Zeiten des Fachkräftemangels gilt das mehr denn je. Aber der Erhalt bestehender Vergütungsstrukturen allein kann kein gesundheitspolitisches Ziel sein. Entscheidend sollte sein, ob sie einen messbaren Beitrag zu einer besseren Versorgung leisten.

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