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Wir brauchen eine nationale Sepsisstrategie

Prof. Dr. med. Stefan Schröder, MHBA, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Artemed Krankenhaus Düren, Beisitzer im Vorstand des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e. V.

Sepsis zählt zu den größten, zugleich aber auch am wenigsten wahrgenommenen Gesundheitsrisiken unserer Zeit. Während Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs fest im öffentlichen Bewusstsein verankert sind, bleibt die Sepsis für viele Menschen ein unbekannter Begriff, obwohl sie jedes Jahr für zahlreiche Todesfälle verantwortlich ist und bei Überlebenden häufig zu langfristigen gesundheitlichen Einschränkungen führt. Diese mangelnde öffentliche Wahrnehmung steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur medizinischen Bedeutung dieser Erkrankung.

Viele Menschen kennen die Warnzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls, die Symptome einer Sepsis jedoch deutlich seltener. Betroffene und Angehörige erkennen die Erkrankung oft nicht, da die frühen Anzeichen unspezifisch sind. Dazu zählen Fieber oder Untertemperatur, Schüttelfrost, starke Schwäche, Verwirrtheit, Atemnot, beschleunigte Atmung und ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl. 

Prävention beginnt nicht erst im Krankenhaus

Dabei ist Zeit entscheidend: Eine frühe Diagnose und Behandlung verbessert die Überlebenschancen und verringert das Risiko bleibender Organschäden. Verzögerungen führen dagegen häufig zu intensivmedizinischer Behandlung, Multiorganversagen und schwerwiegenden Langzeitfolgen, die als Post-Sepsis-Syndrom zusammengefasst werden.

Öffentlichkeitsarbeit kann hier eine entscheidende Rolle spielen. Aufklärungskampagnen haben in anderen Bereichen bereits gezeigt, dass sie das Gesundheitsverhalten nachhaltig verändern können. Die größere Bekanntheit von Schlaganfall-Symptomen oder die höhere Akzeptanz von Wiederbelebungsmaßnahmen sind Beispiele dafür, wie gezielte Informationsarbeit Leben retten kann. Ein ähnlicher Ansatz ist daher auch für die Sepsis erforderlich.

Sepsisprävention ist nicht allein Aufgabe von Krankenhäusern. Insbesondere Hausärztinnen und Hausärzte spielen als Präventionsakteure, Gesundheitslotsen und Vertrauenspersonen eine zentrale Rolle. Zu ihren wichtigsten Beiträgen gehört die Förderung von Schutzimpfungen, da sie das Risiko für schwere Infektionen und damit auch für Sepsis vermindern. Ebenso entscheidend sind die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Infektionen sowie die Identifikation von Risikopatientinnen und -patienten, etwa älteren, immunsupprimierten oder chronisch kranken Menschen.

Ambulante Praxen als niedrigschwellige Informationsorte

Darüber hinaus leisten Hausärztinnen und Hausärzte durch Patientenaufklärung einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung. Sie können über Warnzeichen der Sepsis wie Verwirrtheit, Atemnot, Kreislaufprobleme oder eine rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands informieren und damit die Gesundheitskompetenz stärken. Ambulante Praxen eignen sich hierfür als niedrigschwellige Informationsorte. Auch die rationale Antibiotikatherapie ist Teil der Sepsis-Prävention. Sie hilft, antimikrobiellen Resistenzen vorzubeugen und wirksame Behandlungsoptionen für schwere Infektionen zu erhalten.

Nach einer überstandenen Sepsis übernehmen Hausärztinnen und Hausärzte häufig die Koordination der weiteren Versorgung und unterstützen Betroffene bei der Bewältigung möglicher Langzeitfolgen. Damit sind ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte eine zentrale Säule jeder nationalen Sepsisstrategie. Ihre aktive Beteiligung ist entscheidend, um Prävention und Früherkennung zu stärken und zu verhindern, dass aus einer behandelbaren Infektion ein lebensbedrohlicher Notfall wird.

In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren wichtige Schritte zur Sepsisprävention unternommen.  Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die vom BMG finanzierte Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis, die das Aktionsbündnis Patientensicherheit 2021 initiiert hat und gemeinsam mit seinen Partnern – dem SepsisDialog der Universitätsmedizin Greifswald, dem Betroffenenverein Deutsche Sepsis-Hilfe und dem Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis (DQSep) – umsetzt. Sie klärt über Risikofaktoren, Warnzeichen und Präventionsmöglichkeiten auf, unterstützt Betroffene und schult medizinisches Personal. Hinzu kommt die medizinische Fachgesellschaft Deutsche Sepsis-Gesellschaft, die mit Forschungsförderung und Fortbildung zur Sepsisaufklärung beiträgt. Besonders rund um den Welt-Sepsis-Tag am 13. September finden regelmäßig Informations- und Fortbildungsangebote statt.

Langfristige Kommunikationsstrategie erforderlich

Trotz dieser Aktivitäten ist Sepsis in der Bevölkerung deutlich weniger bekannt als Herzinfarkt oder Schlaganfall. Daher ist eine langfristig finanzierte Kommunikationsstrategie zur Stärkung der Gesundheitskompetenz notwendig. Wichtige Akteure sind dabei Bund, Krankenkassen, Berufs- und Patientenverbände sowie Einrichtungen des Gesundheitswesens. Diese Verantwortung sollte institutionell verankert und als Bestandteil nationaler Präventions- und Patientensicherheitsstrategien verstanden werden.

Internationale Beispiele zeigen, dass dies möglich ist. So wurde Sepsis im Vereinigten Königreich durch nationale Kampagnen, politische Unterstützung und die Arbeit des UK Sepsis Trust nachhaltig im öffentlichen Bewusstsein verankert. Auch Australien und die USA verfolgen nationale Strategien, die Aufklärung, Prävention und Qualitätsverbesserung verbinden. Erfolgreiche Kampagnen beziehen zudem Betroffene und Angehörige aktiv ein. Deren Erfahrungsberichte schaffen Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit.

Öffentlichkeitsarbeit ist somit kein „weicher“ Faktor, sondern eine konkrete Maßnahme zur Verbesserung der Patientensicherheit. Nur, wenn Menschen wissen, dass Sepsis die schwerste Verlaufsform einer Infektion ist, können sie richtig handeln. Angehörige können nur schnell helfen, wenn sie die Sepsis-Warnzeichen erkennen. Gesundheitseinrichtungen können nur erfolgreich präventiv handeln, wenn Prävention als gemeinsame Verantwortung verstanden wird. Die bisherigen Initiativen haben hierfür wichtige Grundlagen geschaffen. Der nächste Schritt besteht darin, diese Aktivitäten dauerhaft zu finanzieren, besser zu koordinieren und in eine nationale Strategie zu überführen. Erst dann kann die Sepsisaufklärung ihr volles Potenzial entfalten – zum Nutzen der Patientinnen und Patienten und zur Entlastung des Gesundheitswesens insgesamt. 

Literatur: 

 

Mehr Informationen zur Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis finden Sie hier.

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