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Kampf gegen die Zeit – AMR die stille Pandemie

Tiemo Wölken, SPD-Europaabgeordneter und gesundheitspolitischer Sprecher der SPD Europa

Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 700.000 Menschen aufgrund von Infektionen in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Sie sterben aufgrund von antimikrobiellen Resistenzen (AMR).

Wie COVID-19 stellt AMR eine ernsthafte grenzüberschreitende Gesundheitsbedrohung dar. Laut Weltgesundheitsorganisation gehört AMR sogar zu den zehn Bedrohungen für die globale Gesundheit und könnte laut UN bis 2050 jährlich zehn Millionen Menschen töten.

Die COVID-19-Pandemie erinnert uns an die ernsthafte Bedrohung, die durch neu auftretende Infektionskrankheiten für die menschliche Gesundheit und unsere Wirtschaft auftritt. Uns wurde die Notwendigkeit verstärkter Überwachungsinstrumente, verbesserter Methoden zur Infektionsprävention und -kontrolle, des Zugangs zu diagnostischen Schnelltests und der Entwicklung wirksamer und erschwinglicher Medikamente und Impfstoffe vor Augen geführt.

Erfolge des Einsatzes von Antibiotika bedroht

All diese aufgedeckten Mängel sind jedoch im Kampf gegen AMR seit langem bekannt. Dennoch wurde immer noch nicht genug getan, um dieses schwerwiegende Problem anzugehen. Antimikrobielle Mittel haben die Medizin seit ihrer Entdeckung verändert und Millionen von Menschen das Leben gerettet. Diese Erfolge sind jedoch aufgrund des übermäßigen und unangemessenen Einsatzes von Antibiotika für die Gesundheit von Mensch und Tier bedroht.

Die zu häufige und teils unnötige Verwendung von antimikrobiellen Mitteln hat zu einer enormen Zunahme multiresistenter Bakterien geführt, die sich leicht verbreiten und sehr schwer zu behandeln sind. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, würden häufige Infektionen wahrscheinlich erheblichen Schaden oder Tod verursachen und routinemäßige medizinische Eingriffe würden ein hohes Risiko darstellen.

Man könnte sich jetzt fragen, warum wir nicht einfach neue antimikrobielle Medikamente auf den Markt bringen. Doch genau hier liegt das Problem. Nehmen wir Antibiotika als Beispiel.

Marktversagen der pharmazeutischen Unternehmen

Die wachsende Rate von Antibiotikaresistenz in Verbindung mit einer unzureichenden Pipeline für neue Antibiotika ist sehr besorgniserregend. Wir erleben ein Marktversagen, da die pharmazeutischen Unternehmen nicht ausreichend in die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika investieren. Das derzeitige, auf Gewinne ausgerichtete, System versagt. Die Industrie entwickelt keine neuen Gesundheitstechnologien für Behandlungen, die keine hohen Renditen versprechen oder nicht versprechen können. AMR stellt daher ein kommerzielles Dilemma für die Unternehmen dar, da die Entwicklung eines neuen Arzneimittels auf der einen Seite sehr kostenintensiv ist und das neue Arzneimittel auf der anderen Seite so wenig wie möglich verwendet werden müsste.

Dennoch haben sich über 20 pharmazeutische Unternehmen vor kurzem zusammengeschlossen, um gemeinsam in einen AMR-Fond zu investieren, dessen Ziel es ist, bis 2030 zwei bis drei neuen Antibiotika auf den Markt zu bringen.

Sektorübergreifende Investitionen erforderlich

Der Privatsektor wird dieses Problem jedoch nicht alleine lösen, und AMR-bezogene Herausforderungen werden in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Wir benötigen dringend wirksame Maßnahmen zur Bewältigung dieser Situation. Wir müssen sektorübergreifende Investitionen in öffentliche und private Forschung und Innovation fortsetzten, damit bessere Produkte sowie neue Behandlungen und alternative Ansätze entwickelt werden können. Wir brauchen bessere und neuartige Push- und Pull-Anreize und eine sichere Finanzierung für Unternehmen, die neue Antibiotika entwickeln.

Leider gibt es kein Allheilmittel, um AMR zu bekämpfen. Aus diesem Grund benötigen wir einen umfassenden Ansatz, der die menschlichen, tierischen und umweltbezogenen Komponenten dieses wichtigen Themas berücksichtigt.

Es ist ein Wettkampf gegen die Zeit, um die Ausbreitung von AMR zu verhindern und die langfristige Wirksamkeit der lebensrettenden Antibiotika zu gewährleisten, die die Grundlage unserer modernen Medizin bilden. Ich denke jedoch, dass wir immer noch rechtzeitig handeln können. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir den negativen Trend immer noch umkehren und gleichzeitig den Fokus unserer Arbeit auf die Patienten und ihre Bedürfnisse richten.

Sogenannte antibiotikaresistente Superbugs bedrohen nicht nur das Leben, sie untergraben auch jeden Aspekt der modernen Medizin. Deshalb müssen wir jetzt handeln, um die wissenschaftlichen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts zu sichern. AMR ist eine globale Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, deren Auswirkungen und Ausmaße das Potenzial haben, Millionen von Menschen zu töten. Um AMR zu bekämpfen, brauchen wir eine koordinierte, europäische und globale Antwort.

Zusammen mit anderen Europaabgeordneten will ich dieses Thema während dieser Legislaturperiode vorantreiben und den Kampf gegen AMR auf die politische Agenda setzten. Jetzt muss Druck auf die Kommission ausgeübt werden, damit die Pharmastrategie, die für Ende des Jahres angekündigt ist, verbindliche Maßnahmen für den Kampf gegen AMR vorschlägt. Die Zeit von Aktionsplänen und Empfehlungen muss ein Ende haben.

COVID-19 hat unsere Gesundheitssysteme bereits unter extremem Druck ausgesetzt, aber dies könnte nur der Vorgeschmack auf das sein, was wir von einer Welt erwarten können, in der antimikrobielle Mittel nicht mehr wirksam sind.

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