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KommentareSchluss mit ‚business as usual‘

Mit Quoten in Richtung Geschlechtergerechtigkeit

Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB, Sprecherin für Gesundheitsförderung, Obfrau im Gesundheitsausschuss der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Jede Frau, die in Deutschland auf einen Mann in einer Führungsposition im Gesundheitssystem folgt, durchbricht eine gläserne Decke, immer noch. Ein „Manel“ (ein All-Male-Panel) oder ein „Gruppenbild ohne Dame“ können aber schwerlich die ganze Bandbreite dessen abdecken, was es zur Gesundheitsversorgung und -politik zu sagen gibt. Die bloßen Zahlen der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage meiner Fraktion zu Entwicklungen des Frauenanteils in der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens werden zunehmend als das angesehen, was sie sind: inakzeptabel.

Dass von 24 Vorstandsmitgliedern der zehn größten gesetzlichen Krankenversicherungen nur zwei Frauen sind, obwohl diese Kassen 50 Millionen Menschen, davon gut die Hälfte Frauen, versichern, ist nicht länger haltbar. Dass auf Bundesebene keine der Gesundheitsberufskammern einen paritätisch besetzten Vorstand hat und auf Landesebene etliche Kammern von zwei oder mehr Männern und keiner Frau geführt werden, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unklug.

 

Expertise von Frauen müssen genutzt werden

In der Gesundheitspolitik werden die Erfahrungen, Bedürfnisse, und Expertise vieler Menschen immer noch systematisch ausgeblendet oder abgewertet. Auch hinsichtlich der Gesundheitsversorgung, -forschung und -prävention wird auf Frauen und Menschen, die Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt sind, nur unzureichend Bezug genommen. Wir können es uns schlicht nicht leisten, die Expertise von Frauen und Personen aus anderen systematisch unterrepräsentierten Gruppen ungenutzt zu lassen. Denn solange hauptsächlich Männer im Gesundheitssystem die wichtigen Entscheidungen treffen und ein männlicher Körper in der Gesundheitsforschung, -lehre und -versorgung als Norm gilt, kommen Frauen – aber nicht nur sie – in jeder Hinsicht zu kurz. Ihnen bietet das deutsche Gesundheitssystem und die ihm zugrundeliegende Gesetzgebung noch keine Basis dafür, den Gleichheitsgrundsatz in Artikel 3 des Grundgesetzes „am eigenen Körper“ zu erleben. Es kommt nicht von ungefähr, dass zum Beispiel Herzinfarkte bei Frauen über 60 nach wie vor seltener erkannt werden, weil sie meist nicht die sogenannte „typische Symptomatik“ – typisch für Männer – zeigen.

 

Vorstoß der Koalition zur Quotenregelung nicht weit genug

Dort, wo es eine Quote gibt, wirkt sie auch. Und den Weg zu Diversität und einer angemessenen Repräsentanz von Frauen in Entscheidungspositionen legen wir ohne verbindliche Regeln viel zu langsam zurück. Vor diesem Hintergrund kommt der Vorstoß der Koalition zur Mindestbeteiligung von Frauen und zu Quoten im angekündigten Führungspositionsgesetz II spät und geht nicht weit genug. Ganz besonders in diesem Jahr der Corona-Pandemie, in dem Frauen mehr denn je die Hauptlast der Care-Arbeit tragen, in der professionellen Pflege ebenso wie in der privaten Kinderbetreuung angesichts von Schul- und Kita-Schließungen, ist deutlich geworden, dass die Gleichstellung noch nicht erreicht ist.

Gut am Vorschlag der Koalition und auch an Quotenregelungen in einigen jüngeren Gesundheitsgesetzen ist, dass der Bundestag nun endlich die Ob-Frage hinter sich lassen und sich der Wie-Frage widmen kann. Quoten sind weder Selbstzweck, noch Allheilmittel, aber sie wirken für eine bessere Repräsentanz. Darüber hinaus muss es auch um Zielvorgaben zur Erhöhung des Frauenanteils für alle Führungskräfteebenen gehen, also auch im mittleren Management, das vielleicht weniger nach außen sichtbar, doch ebenso wichtig für die Entscheidungsfindung ist. Damit die Zielvorgaben auch erreicht werden, muss es einen klaren Fahrplan zur Umsetzung geben. Transparenz ist wichtig, damit progressive Entwicklungen ernsthaft angestoßen werden. Für den Gesundheitsbereich fordern wir Grünen im Bundestag ein Monitoring der Nominierungs-, Auswahl- und Wahlverfahren für die Rechtsaufsichten der Selbstverwaltungskörperschaften und eine regelmäßige Berichterstattung über die Repräsentanz von Frauen in Gremien und Führungspositionen.

„Wir hätten ja gerne eine Frau, aber wir finden keine“ – diesem Ausdruck der Beharrungskräfte männlich dominierter Systeme in allen Bereichen der Gesellschaft wird der Wind aus den Segeln genommen, wenn Ziel und Weg verbindlich formuliert werden. Wer führt, aber auch wie und in wessen Interesse, ist nicht länger ‚business as usual‘.

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