Was für ein ausgebuffter Berufsstand! Wer am 19. Mai 2026 zum Sommerfest der ABDA kommt, hat unmittelbar nach der gläsernen Drehtür zum Apothekerhaus das Gefühl, die Bude ist brechend voll. Die ABDA nutzt dafür den alten Trick: Staple die Gäste möglichst lange in Entree und Vorraum, dann wirkt es gleich zu Beginn gut besucht.
Es ist fast schon Tradition: Unmittelbar nach der Ankunft findet man sich wieder in einer völlig desorientierten, aber bestens gelaunten Menge. Keiner weiß, wo man sich zur Akkreditierung anstellen soll. Über die Aufteilung der Schalter nach Buchstaben informiert ein handgeschriebener Zettel, der auf Nabelhöhe hängt. Man sieht ihn sofort – sobald man vor der falschen Empfangsdame steht. Umso größer ist die Freude, wenn man das Gedränge und Geschiebe unbeschadet überstanden hat und von einem Vorstandsmitglied der ABDA freundlich begrüßt wird. Diese körperliche Verdichtung der Szene produziert letztlich strahlende Gäste, die froh sind, endlich drin und dabei zu sein. Das bleibt im Gedächtnis.
Bei der Eröffnung durch ABDA-Präsident Thomas Preis stellt sich die Frage: Hat der Apotheker aus Köln inzwischen seinen persönlichen Stil gefunden? Noch im Vorjahr begrüßte Preis die Gäste mit einer politischen Ansage – in auffallendem Gegensatz zu dem traditionellen „Lasst uns feiern!“ seiner Vorgängerin. In diesem Jahr verzichtet Preis auf jede Botschaft und rezitiert nicht ohne Stolz die lange Liste an hochrangigen Zusagen. Man horcht auf, als er verkündet: Christos Pantazis von der SPD lässt sich entschuldigen. Kurz zuvor hatte Pantazis mit seiner Kollegin Simone Borchardt von der Union auf dem DAV-Wirtschaftsforum eine Art heiligen Schwur abgelegt. Die gesundheitspolitischen Sprecher der Koalition erklärten dort mit großer Verve, die im Koalitionsvertrag versprochene Erhöhung des „Fixums“ komme gemeinsam mit der Apothekenreform. Das sei politischer Wille. Und jetzt kommt Pantazis nicht zum ABDA-Sommerfest? Der politische Beobachter hört da sofort das Gras wachsen und vermutet Absenz der SPD wegen drohenden Wortbruches. Gibt es am Ende doch nicht mehr Geld für die Apotheker oder alles erst viel später? Wieder einmal sorgt eine Konservative für Hoffnung. Zu später Stunde kommt Simone Borchardt vorbei und genehmigt sich das ein oder andere Gläschen aus dem reichhaltigen Angebot. Sie vermittelt den Eindruck, es sei doch alles in Ordnung mit dem höheren Fixum. Die Stimmung hebt sich. Den Apothekern sei es gegönnt.
Verlassen sollte man sich allerdings auf gar nichts. Solange die Erhöhung der Pauschalvergütung (Fixum) noch nicht via Arzneimittelpreisverordnung im Gesetzblatt steht, ist alles möglich, auch ein Wortbruch der Koalition. Am Ende geht es den Apothekern wie der Pharma-Industrie. Gerade erst beschwerte sich vfa-Chef Han Steutel bitterlich bei Nina Warken. Zuerst hatte die Ampel mit einer schmissigen Pharma-Strategie die Stimmung der Industrie beflügelt, und jetzt erfinden Union und SPD ein künstliches Arzneimittelbudget.
Dafür sollen die Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel nachträglich zusammengestrichen werden mit einem rückwirkend „dynamischen“ Rabatt. Eine abenteuerliche Konstruktion, die jede Unternehmensplanung ins Reich der Wahrsager befördert. Unter diesen Bedingungen hätte es die Milliarden-Investitionen in vier deutsche Pharma-Standorte natürlich nicht gegeben. Die Industrie fühlt sich schlicht verraten.
Was heißt das für die Apotheker? Zumindest Wachsamkeit. Sie wurden selbst schon einmal verraten. Damals ging es um das politische Versprechen, den Versandhandel aus quasi rechtsfreiem EU-Raum zu verhindern. Daraus wurde bekanntlich nichts. Stattdessen werden aus den Grenzregionen weiter Arzneimittel versandt – mit ungekühlten Päckchen und widerrechtlichen Rabatten. Die Nachbarländer kontrollieren die Versandhändler erst gar nicht – es geht ja eh alles nach Deutschland. So schnöde ist die Realität. Versprechen hin oder her.
Wir müssen also wohl noch ein weiteres ABDA-Sommerfest abwarten, um zu wissen, was letztlich aus dem heiligen Schwur der Koalition geworden ist. Gut und teuer Ding will Weile haben. Vielleicht gibt es bald mehr Geld aus klammen Kassen. Und in 2027 vielleicht ein ABDA-Sommerfest ohne das gewohnte Gedränge hinter der Drehtür? Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Das gilt für die Apotheker – und ihre Gäste.
Sebastian Hofmann