Eigentlich hätte es ein unbeschwerter Abend werden können. Schon vor dem Frühlingsfest war klar: Die Generischen sind jetzt die Könige. Nina Warkens Sparhammer trifft so ziemlich alle – bis auf die Hersteller von patentfreien Arzneimitteln.
Das ist der Gipfel – und was kommt jetzt? Im Jahr vor der Wahl hatte der BPI den Kandidaten Friedrich Merz zu Gast. Jetzt ist es Pharma Deutschland gelungen, den amtierenden Chef des Bundeskanzleramtes für eine Veranstaltung zu gewinnen – im Tipi am Bundeskanzleramt. Thorsten Frei, der sich neben „ChefBK“ auch „Bundesminister für besondere Aufgaben“ nennen darf, nimmt sich die Zeit und hält eine bemerkenswerte Rede. Frei spricht eine halbe Stunde und hat den Inhalt seines Manuskriptes offensichtlich verstanden. Eine Geste der Wertschätzung auf höchster Ebene.
Die Pharma-Industrie kann nicht mit weiterem Entgegenkommen rechnen – die Ahnung passt zu Anlass und Location. Der G-BA lädt traditionell zum parlamentarischen Abend in seine nüchterne Lobby. Und Nina Warken legt sich fest. Sie schließt ihr Grußwort mit der wegweisenden Ansage: Sie müsse gleich weiter zu einem Treffen mit Unternehmen, weil der Pharma-Dialog starte.
Es hat sich herumgesprochen: Der PHAGRO feiert schick. Die vollversorgenden pharmazeutischen Großhändler luden wieder ins LaFlor in Berlin. Eine Location, die auch als Kulisse für einen Szene-Club dienen könnte. Es ist eng und verwinkelt. Beide Geschäftsführer begrüßen jeden persönlich, schon bevor es richtig losgeht, sind fröhliche Gäste in lebhafte Gespräche vertieft. Infos zu Mitgliedern und Leistungen des PHAGRO hängen als unaufdringliche Deko verpackt im Raum und ein fliegendes Buffet sichert die Versorgung. Unternehmer können feiern.
Die Bewertung neuer Arzneimittel ist in die Jahre gekommen. Das Verfahren wird dem rasanten Fortschritt nicht mehr gerecht. Rigide Regeln produzieren teilweise Unsinn. Dr. Thomas Kaiser hebt die Reformdebatte auf ein neues Level.
So schnell kann´s gehen. Letztes Jahr war Friedrich Merz bei der Hauptversammlung des BPI und erklärte recht offenherzig: Um die Finanzmisere der GKV zu lösen, müssten die Menschen mehr für ihre Gesundheit ausgeben. Ein mutiges Statement vor der Bundestagswahl, das sich bewahrheitete. Zum Jahreswechsel erhöhten die Kassen ihre Beitragssätze. Von Selbstbeteiligung ist noch nicht die Rede. Stattdessen will die Regierung Merz nun Darlehen an die GKV vergeben.
„Ihr seid doch ausgezutzelt wie eine Weißwurst!“ – mit dieser scharfsichtigen Analyse spendet Stephan Pilsinger dem Gastgeber Pro Generika Trost. Seine Botschaft: Für Generika kann es keine neue Sparkeule geben.
Himmelhochjauchzend? Könnte man meinen. Schließlich liest sich der neue Koalitionsvertrag von Union und SPD wie eine politische Grußadresse an die Apotheker. Die Regierung verspricht ihnen mehr Geld und eine Zukunft als „Heilberuf“. Von Apotheken ohne Apotheker (vor Ort) ist keine Rede mehr. Was für ein Erfolg für die ABDA. Nur wenige Wochen später erwartet man da eigentlich ein Sommerfest mit fröhlichem Trubel bei stolz geschwellter Brust.
Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) wird zehn. Die Kindheit ist vorbei, und die Kinderkrankheiten sind ausgestanden. Nach heftiger Kritik im G-BA hatte Claus-Dieter Heidecke das IQTIG nach seinem Amtsantritt als Leiter des Instituts wieder in ruhigeres Fahrwasser geführt. In Plenumssitzungen des G-BA behält er stets die Ruhe. Gerät er ins Kreuzfeuer einer Qualitätsdebatte, gibt Heidecke deutlich zu verstehen: Das IQTIG hat keine eigenen Eisen im Feuer.
Olaf Scholz blamiert bei BioNTech, Karl Lauterbach im Sturm der Fiebersaftkrise – wenn Politiker unter Druck geraten, können Gesetze entstehen, die vorher undenkbar schienen. So war es auch in der vergangenen Legislaturperiode. Die Ampel kam der Industrie gleich zweimal bei den Preisen für Arzneimittel entgegen (MFG; ALBVVG). Ein Novum. Bisher hatte die Politik in Erstattungsfragen stets nur (Kosten-) Dämpfer im Köcher .
In Feierlaune eröffnet Verbandspräsident Jörg Wieczorek den Empfang von Pharma Deutschland im Axica Berlin. Nach der geplatzten Fusion mit dem Schwesterverband BPI und einem schmissigen Rebranding des BAH als „Pharma Deutschland“ sieht Wieczorek den Verband nun bestens gerüstet, die Interessen der Industrie „mit einer Stimme zusammen mit vfa und Pro Generika“ zu vertreten.
Früher feierte Pro Generika seine Feste in der Landesvertretung von Baden-Württemberg – gut behütet von schwäbischem Sichtbeton und Gartenidyll. Zum zwanzigsten Geburtstag zieht es den Verband nun hinaus nach Mitte. Die Wartehalle am Nordbahnhof – beworben als Eventlocation – ist alles andere als beschaulich. Hier wirkt Berlin noch immer im Umbruch. Das aufwändig restaurierte Bahnhofsgebäude liegt mittendrin, unaufdringlich schick mit einer Freifläche für sommerliche Gäste. Es weht der Ernst des Lebens, die Jugend ist vorbei. Wie konnte es soweit kommen?